Deutschland hat eine historische Schuld!

Wer gedacht hätte, dass der Zweite Weltkrieg bei der Bewältigung der Probleme Griechenlands keine Rolle mehr spielt, der irrt. Einige wissen vielleicht, dass die Griechen heute nocheinen gewissen Groll gegen die damalige deutsche Besatzung hegen und daraus gerne politisches und finanzielles Kapital schlagen möchten. Aber dass in unserem französischen Nachbarland, auch Mitglied der Eurozone, besonders laute Töne in dieser Hinsicht zu hören sind, das verwundert schon. Insbesondere, wenn eine solche Stimme von einem Berater des französischen Ministerpräsidenten zu vernehmen ist.

Es folgt das Interview in eigener Übersetzung erschienen am 24. Juni 2011 auf Les Échos-online, einer führenden Internet-site für die Wirtschaft.

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Bildausschnitt aus www.lesechos.fr

Ü b e r s e t z u n g

22/06 | 18:39 | mis à jour le 24/06 à 12:33 | Catherine Chatignoux et Richard
Hiault
| 20commentairesVon Catherine Chatignoux und Richard Hiault

 Jacques Delpla: „Deutschland schuldet Griechenland 575 Milliarden Euro“

Der Volkswirt, Mitglied des Conseil d’analyse économique (Rat zur ökonomischen Analyse, Institution zur Beratung des französischen Premierministers), hat berechnet,
dass zurückgehend auf den Zweiten Weltkrieg die Deutschen den Griechen mindestens 575 Milliarden Euro schuldig sind. Er vertritt die Meinung, dass Europa den gesamten Schulden-Überschuß (sprich Schulden jenseits einer „staatlichen Normalverschuldung“) zu übernehmen hat, indem über Tiefstzinsen das Defizit refinanziert wird, während im Gegenzug strukturelle Reformen erwartet werden dürfen.

Die Finanzminister haben sich am Sonntag für weitere Hilfen für Griechenland und für eine Beteiligung des Privatsektors zur Finanzierung der griechischen Schulden entschieden. Wird diese Einigung die Märkte auf Dauer beruhigen?

Die Märkte sind eigentlich nicht Griechenlands Problem. Für die nächsten zehn bis
zwanzig Jahre werden die griechischen Schulden über zwei Wege finanziert: Eine
größere Hälfte über öffentliche Mittel und eine kleinere Hälfte über die Banken
und Versicherungen, und zwar auf Grund der berühmten „Wiener Initiative“, d.h. auf Grund der Fortschreibung ihrer Exposure (d.h. ihrer Exponiertheit gegenüber diesen Schulden). Es wird keinen Weg mehr über die Märkte geben.

Deutschland hat auf seine Forderung nach Umschuldung verzichtet. Ist dies eine gute Nachricht?

Die Deutschen übersehen, dass ihr Vorschlag eines Zwangstausches der Schuldtitel
unmittelbar zum griechischen Bankrott führt. Aber kommt es zu einem griechischen Zahlungsausfall, dann bedeutet dies den umgehenden Zusammenbruch seines gesamten Finanzsektors, der sich mit Staatsanleihen vollgestopft hat. Keine Zentralbank ist in der Lage, nicht mehr bedienbare Schulden zu refinanzieren: Die EZB schließt so etwas aus. Das bedeutet mit Sicherheit den Herzinfarkt für Griechenland und in der Folge den Stopp der Zahlungen im Inland bis hin zur Unterbrechung von Gehalts- und Lohnzahlungen sowie eines funktionierenden Krankenhaussystems. Griechenland ist sozusagen im Euro ohne den Euro verwenden zu können. Die einzige Lösung für das Land wäre dann, den
Euro aufzugeben mit der Folge einer Mega-Rezession und den bekannten Ansteckungsgefahren.

Aus Ihrer Sicht soll also die finanzielle Solidarität den  Ausschlag geben?

Jeder  kennt die Fabel von der Grille und der Ameise. Aber die Geschichte geht weiter:
Die Ameise hat die Grille in der Vergangenheit finanziert und trägt daher ihre  Schuldenlast; die Großeltern der Ameise haben die Großeltern der Grille vernichtet und tragen daher eine große politische und finanzielle  Verantwortung. Nach meinen Berechnungen schulden die Deutschen den Griechen  mindestens 575 Milliarden Euro als Folge des Zweiten Weltkriegs. Die Deutschen schulden Griechenland viel mehr als die Griechen Deutschland schuldig sind. Und  außerdem wohnen sie beide im selben Haus, und wenn man das Appartment der  Grille implodieren läßt, bricht alles zusammen. Die Moral der Geschichte heißt  daher, dass zwei Dinge zu respektieren sind: Griechenlands Vertrag mit Europa  und Deutschlands Vertrag mit Europa.

Fangen wir an mit dem Vertrag  zwischen Deutschland und Europa.

Deutschland  hat seine Wiedervereinigung damit bezahlt, dass es seine Währung zur Verfügung  stellte und den Euro übernahm. Seine (europäischen) Partner ihrerseits haben
sich verpflichtet, sich korrekt zu verhalten. Dieses Abkommen wurde nicht  honoriert. Und die Deutschen sind zu Recht der Auffassung, dass damit der Geist des Vertrags von Maastricht verletzt wurde. Auch muß man Europa wirtschaftlich  reformieren. Aber es ist genauso notwendig, dass jede Seite ihre Verantwortung  trägt und ihren Anteil an den Lasten durch einmal begangene Irrtümer und damit verursachte Verluste übernimmt. So ergibt sich die Nowendigkeit, dass die Europäer gemeinsam und insgesamt die Überschuldung der drei Länder (Griechenland, Portugal und Irland) übernehmen, indem sie das Ganze zu extrem  niedrigen Zinsen, zwischen drei und vier Prozent, für zehn oder zwanzig Jahre refinanzieren. Im Gegenzug müssen diese Länder alle notwendigen Haushalts- und  Strukturreformen durchführen, und zwar für einen langen Zeitraum. Das ist die  einzige Möglichkeit.

Die Deutschen  scheinen von dieser Idee nicht sehr begeistert zu sein?

Die  Deutschen vergessen ihre politische Schuld. Man muß sie daran erinnern. 1945
haben die Siegermächte einen Schlußstrich unter das von den Nazis zerstörte
humane und physische Kapital gezogen. Man hat die CECA (EGKS,  Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl) gegründet und die Römischen Verträge abgeschlossen. Die politische und finanzielle Passivseite Deutschland, die auf
das Konto des Krieges geht, beläuft sich auf das Sechzehnfache des deutschen
BIP (BIP, Brutto-Inlandsprodut), man kann das als die implizite Schuld
Deutschlands bezeichnen. Man fordert diese Schuld nicht ein, man möchte nur,
dass es (Deutschland) im Gegenzug das europäische Spiel spielt – von einem
politischen und finanziellen Standpunkt aus gesehen. Heute heißt das  Griechenland retten.

Können die Griechen ihre Schulden zurückzahlen?

Sie  müssen es! Und sie können es! Sie müssen reformieren, privatisieren, Schluß
machen mit Korruption und Vetternwirtschaft, und müssen von ihrem Defizit von
fünfzehn Prozent am BIP in einigen Jahren den Ausgleich schaffen. Das würde  ihre  Schulden auf 60 bis 90 Prozent des BIP bis zwischen 2025 und 2030 zurückführen. Griechenland hat die Mittel, um zu prosperieren: Es verfügt über das schönste archeologische Erbe der Welt, eine wunderschöne Inselwelt, wo es  sich gut leben läßt. Ich denke, dass der arabische Frühling eine gewaltige  Möglichkeit für dieses Land ist, eine europäische Plattform im östlichen Mittelmeer.

Sie schließen also die Möglichkeit einer Restrukturierung  (der Schulden) komplett aus?

Man kann den Leuten nicht verbieten, sich umzubringen. Die Griechen haben die Wahl
zwischen Rutsche und Fallschirmsprung – ohne Fallschirm. Sie müssen einsehen, dass es für sie unmöglich ist, ihren Vorkrisen-Lebenstandard zu halten, finanziert von einem schwindelerregenden Budgetdefizit. Entweder sie entscheiden sich für die Rutschbahn mit einer Senkung des Lebensstandards von  zehn Prozent über fünf Jahre. Und sie haben allen Grund sich so entscheiden, denn die europäische Hilfe ist beträchtlich: Diese besteht in einer impliziten Zinssubvention, die 15 bis 20 Prozent des griechischen BIP beträgt (12 Prozent  für die Iren und 10 Prozent für die Portugiesen). Aber sie können auch  demokratisch entscheiden, diese Herausforderung abzulehnen. Aber dann bricht ihre Wirtschaft zusammen, sie bekommen keine Hilfe mehr und müssen den Euro  verlassen … ohne Fallschirm.

Deutschland denkt doch an eine Eurozone mit zwei Geschwindigkeiten?

Im  deutschen Unterbewußtsein verdienen es die Griechen nicht, der Eurozone
anzugehören. Das ist das Reden der konservativen Rechte die von einer Eurozone
mit Österreich, Slowakei, Finnland, Holland träumt – und mit Frankreich aus
historischen Gründen. Aber ein solches System will Frankreich ganz und gar
nicht, und vor allen Dingen verletzt es den europäischen Grundkonsens der  Nachkriegszeit. Wenn sie jetzt hingehen und eine Eurozone mit den guten  Schülern der Klasse gründen und eine andere mit den Peripherieländern, dann wird letztere rasch in einer Hyperinflation explodieren.

Konkret gefragt, wie wird die Beteiligung des  Privatsektors an der zukünftigen Finanzierung der griechischen Staatsschuld ablaufen?

Ideal  wäre es, wenn man sich auf die Anteile Griechenlandengagements des privaten
Sektors in der Vorkrisenzeit basieren könnte und der Aufkauf von Staatstiteln  sich daran bemessen würde. Diese würde eine Verteilung der Lasten ermöglichen,  die ich auf ungefähr 100 Milliarden Euro für die europäischen, nicht-griechischen Banken und Versicherungen einstufe. Und dies würde verhindern, dass die Banken, die bisher mitgespielt haben und ihr Engagement  gehalten haben, nicht bestraft werden.

Die  deutschen Banken halten das Prinzip des „roll over“ für zu strikt.  Sie sprechen sich für einen Anreiz für ihre Beteiligung aus. Was halten sie  davon?

Die  Banker möchten gerne von den Regierungen gerettet werden und den Fahrstuhl
festhalten. Die deutschen Politiker haben sich da gegenüber ihren Banken nicht
klar genug ausgedrückt.

Was tun, damit eine Krise dieser Art sich nicht wiederholt?

Die Lösung, die ich favorisiere, heißt den Anleihemarkt in Europa in seinen Strukturen radikal zu reformieren. Die Schulden der Länder der Eurozone werden zweigeteilt (im Folgenden trägt der Berater seine eingenen Ideen vor). Einerseits, die Senior-Debt, genannt die „blaue Schuld“, die bis zu 60 Prozent des BIP beträgt und für alle Länder der Eurozone zusammengelegt und von einer europäischen Schuldenagentur verwaltet wird. Sie würde 6000 Milliarden Euro umfassen und würde die sicherste Schuld der Welt. Sie wäre viel billiger als die deutschen Bunds oder die französischen OATs („Obligation assimilable du Trésor“, Staatsanleihen, die in Tranchen emittiert werden), denn dieser Markt wäre viel größer und liquide. Das wäre eine Konkurrenz zum amerikanischen Markt. Diese „blaue Schuld“ wäre unterlegt mit einer gemeinsamen und solidarischen Garantie, so dass ihr Ausfall ausgeschlossen wird. Auf Sicht, das ist meine Überzeugung, gibt es für die Eurozone keine Zukunft ohne eine gemeinsame Staatsschuld, die sog. „Blaue Schuld“.  Andererseits gibt es dann über der Schwelle von 60 Prozent des
BIP die Rote Schuld, die Junior-Debt, die das komplette staatliche Ausfallrisiko tragen würde. Sie könnte Verluste beeinhalten oder gar völlig  ausfallen, ohne dass daraus eine Katastrophe entsteht. Die Stärke der  „Blauen und Roten Schulden“ besteht darin, dass das System die  richtigen Anreize auslöst: Die Zinsen steigen zwar, aber weit entfernt von
einer diffizilen Lage (sprich Krise).

E n d e    d e r   Ü b e r s e t z u n g

Link zu dem Original-Interview:

http://www.lesechos.fr/economie-politique/monde/interview/0201458716889-jacques-delpla-l-allemagne-doit-575-milliards-d-euros-a-la-grece-184540.php

Fazit: Aus dieser  Sicht sind wir Deutsche von einer Transferunion weit entfernt, da wir bisher noch  gewaltig im Plus sind und erst einmal 575 Milliarden zahlen müssen oder können,  bis wir etwas netto abgeben. Zur Erinnerung: Die griechischen Staatsschulden
betragen ca. 300 Milliarden Euro.

PS. Die Geschichte geht weiter. Und jetzt „feiern die griechischen Zeitungen den
„Mut“ von Delpla, die sog. Schweigemauer über die (historische)  Schuld der Deutschen gegenüber Griechenland aus dem Zweiten Weltkrieg zu  brechen“, so die Übersetzung der folgenden Überschrift)

Aus der seite www.info-greece.com Delpla wird gefeiert.

Bildausschnitt aus http://www.info-greece.com

Hier kann sich jetzt jeder seine eigene Meinung bilden, ob der Euro Europa eint oder auseinanderdividiert!

Der Link zu der Meldung über die griechische Reaktion (im Bild):

http://www.info-grece.com/agora.php?read,29,39915

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