Deutschland: Wirtschaftsriese mit Zwergverteilung: Extrakt aus OECD. Teil 1.

Es gibt wohl kaum ein Land in Europa, in dem wirtschaftliche Entwicklung des Bruttosozialproduktes und die Entwicklung der Einkommensverteilung so weit auseinandergehen wie in Deutschland. Heute die Daten seitens der OECD in ihrem neuen Bericht „Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising“ (Getrennt bleiben wir stehen: Warum Ungleichheit weiter steigt). Link weiter unten. Die OECD untersucht den Einkommenszuwachs der Haushalte mit einem sogenannten Markteinkommen (aus Arbeit oder Kapital, also nicht aus Transfereinkommen) über die letzten Jahrzehnte (ab 1985 in der Regel) bis ca. 2008 (je nach Verfügbarkeit der Daten). Nachfolgend eine erste Auswertung der Daten insbesondere in Bezug auf Deutschland. Ferner geht es um reale Daten, also nach Abzug von Preissteigerungen. Das erste Diagramm zeigt Deutschlands Position, wenn man die Entwicklung der Einkommen aller Haushalte in den untersuchten Ländern betrachtet:

Schaubild: Jährliches reales Einkommensplus aller Haushalte mit Markteinkommen, OECD Divide We Stand. (Click auf Grafik für höhere Auflösung).

Der Fall ist klar. Deutschland liegt hinten/unten. In der guten Gesellschaft von Italien, Ungarn, Türkei und Japan, letzteres das sich  bei den hier nicht betrachteten Arbeitslosenquote sehr gut hält. Wie steht es nun mit dem einkommensmäßig unteren Zehntel der  Haushalte? Deutschlands sackt in der Rangfolge noch mal tiefer.

Grafik: Jährliches reales Einkommensplus Haushalte unterstes Zehntel (OECD-Zur Verteilung) (Click auf Grafik für höhere Auflösung).

In der Bundesliga spricht man von Abstiegsplatz. Auch Israel gibt zu denken. Jetzt hoffen wir, dass wenigstens die Reichen das Blatt für uns wenden und Deutschland endlich mal über dem OECD-Durchschnitt landet. Hier die Daten:

Diagramm: Jährliches reales Einkommensplut Top Haushalte (OECD zur Verteilung, Divided We Stand.) (Click auf Grafik für höhere Auflösung).

Deutschland liegt auch hier unter dem Durchschnitt mit 1,58 Prozent realem Einkommenszuwachs für die oberen 10 Prozent der Haushalte. Dies ist dennoch immerhin das Elffache der 0,14 Prozent für das unterste Zehntel in Deutschland (Grafik 2), aber nicht prägnant über dem Durchschnitt von 0,91 Prozent für alle Haushalte (Grafik 1). Vereinfacht könnte man sagen: Einkommensdivergenzen – aber immer auf den unteren Plätzen.

Wie sagt die OECD an anderer Stelle: „The income gap has risen even in traditionally egalitarian countries, such as Germany, Denmark and Sweden, from 5 to 1 in the 1980s to 6 to 1 today. The gap is 10 to 1 in Italy, Japan, Korea and the United Kingdom, and higher still, at 14 to 1 in Israel, Turkey and the United States.“ Die Einkommenskluft ist sogar in traditionell egalitäten Ländern wie Deutschland, Dänemark und Schweden gestiegen, vom 5 zu 1 in den 1980er auf 6 zu 1 heute. Die Kluft beträgt 10 zu 1 in Italien, Japan, Korea und Vereinigtes Königreich, und ist sogar noch stärker gestiegen, auf 14 zu 1 in Israel, in der Türkei und den Vereinigten Staaten“. (Nichts für Sprachpuristen, denn ein Gap kann ebensowenig wie eine Kluft steigen, aber das kennen wir bereits vom Schrumpfen als Gegenteil zu Wachsen, wo es in der Natur eigentlich andere Begriffe gibt, die wir aber vielleicht gerne vermeiden).

Interpretation:

Suche nach Ursachen für uns in Deutschland? Ist etwa das eigentliche Problem eine tiefgehende Fehlsteuerung der Verteilung des Zuwachses an wirtschaftlichem Wohlstand durch ökonomische, gesellschaftliche und politische Strukturen?  Eine Erklärung vielleicht: Das deutsche Gesamt-Modell funktioniert ökonomisch vorteilhaft für die Unternehmen, die am Weltmarkt operieren. Das Modell hat aber unübersehbare Schwächen in Bezug auf die Verteilungskette Unternehmensgewinne, Staatsgewinne (Steuereinnahmen) und Gewinne der Haushalte, die von einem Einkommen aus Arbeit oder Kapital leben. Versagt die übliche Systemkritik am Neoliberalismus, da dieses Erklärungsmuster für alle betrachteten OECD-Länder gelten würde und damit nicht die relativ schlechtere Position Deutschlands und insbesondere die genannte Diskrepanz – wirtschaftlich oben; aber verteilungsmäßig unten- im Verhältnis zu den anderen Ländern begründen könnte? Die OECD selbst spricht Bildung und Teilzeitbeschäfttigung an. Das deutsche Bildungssystem steht nicht umsonst in der Kritik – bis auf das duale Ausbildungssystem, das international nur Lob erntet. Der hochbezahlte Staatsapparat deutscher Bildung samt seiner Lehrpläne und Lehrinhalte gerät hiermit als ein Erklärungsgrund in den Vordergrund. Geben die Teilzeitbeschäftigung und die Starrheit im deutschen Arbeits- und Tarifrecht ein weiteres Ursachenpaar ab? Das zur Folge haben dürfte, dass heute gerade in Deutschland nur die Zeitarbeit boomt – und die Einkommensseite nicht nur der Beschäftigten in der Zeitarbeit hinterher hinkt.  Spurensuche: Teilzeitbeschäftigung auch als Folge des Steuerdrucks auf die komplette Mittelschicht, die nur so ihren Lebensstandard halten kann. Leider kommt es hier zu unangenehmen Erkenntnissen, denn wer wünscht sich nicht die „Beste aller Welten“, um mit dem französischen Philosophen Voltaire zu sprechen. Aber was wir alle im Portemonnaie oder auf dem Konto spüren, das kriegt manchmal auch die Statistik heraus.

Link  zu der Einkommensentwicklung ab 1985

http://www.oecd.org/els/socialpoliciesanddata/49170768.pdf

(oecafe)

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