Deutschland: Wirtschaftsriese und Gini: OECD Divided, We Stand. Teil 2.

Im neuesten Bericht der OECD werden auch die Veränderung der Einkommensverteilung in den Mitgliedsländern untersucht. Dazu wird die Veränderung  des sog. Gini-Koeffizienten seit 1985 berechnet. Der Gini-Koeffizient ist ein oft verwendetes statistisches Maß für die Beurteilung der Konzentration bei Einkommen oder Vermögen. Je höher der Koeffizient, desto ungleichmäßiger geht es in der Gesellschaft zu. Hierzu die Grafik der OECD:

Grafik 1: Veränderung des Gini-Koeffizienten in den Mitgliedsländern seit 1995, Blaue Säule 1985, rotes Rechteck 2008, Deutschland gelb markiert, OECD 2011 Divided We Stand (Click auf Bild für höhere Auflösung).

Je weiter Rot (2008) sich von Blau (1985) nach oben entfernt, desto ungleichmäßiger hat sich die Verteilung entwickelt. Nur Türkei, Belgien, Frankreich und Ungarn sind Länder mit rückläufiger Ungleichverteilung. In den anderen Ländern vergrößern sich die Einkommensdifferenzen. Auffällig ist die deutliche Erhöhung der Differenzen in den Vereinigten Staaten, Israel, Neuseeland, Finnland, Schweden  – und Deutschland (gelb umrandet). Um dieses Phänomen noch näher zu erfassen, wurden die relativen Veränderungen der Gini-Koeffizienten für Länder mit zunehmender Ungleichheit auf Grundlage der Originaldaten der OECD berechnet. Hier das Ergebnis:

Grafik 2: Gini-Veränderung oder Zunahme Einkommensgefälle in % (OECD 2011 Divided We Stand) (Click auf Bild für höhere Auflösung).

Der gesamte Komplex der sogenannten nordischen Wohlfahrtsstaaten Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark zusammen mit Israel, dem Finanz-und EU-Zentrum Luxemburg befindet sich in der Spitzengruppe. Und Deutschland. In diesen Ländern haben die Verteilungsungleichheiten – teils von niedrigeren Ausgangswerten- deutlich mehr zugenommen als in den Ländern mit bereits hohen Ungleichgewichten. Oder zugespitzt: In den sogenannten egalitären Sozialstaaten bilden sich in einer bemerkenswerten Gegenströmung „unsoziale“ Strukturen der Verteilung heraus. Und das nicht erst seit gestern oder der Finanzkrise. Sondern seit Jahrzehnten. In Ländern mit bereits hohen Divergenzen bleiben die Divergenzen eher konstant oder steigen langsamer.

Interpretation und hier nur einige Fragen:

Erstens: Man muß wissen, dass die nordischen Staaten sich durch einen hohen Staatsanteil und hohe Transfereinkommen auszeichnen, so dass das verfügbare Einkommen in der „Konsumpraxis“ dennoch gleichmäßiger verteilt ist. Das würde heißen: Es entsteht eine zunehmende Schere zwischen den Verteilungen auf den monatlichen Bankauszügen je nach sozialer/Einkommensgruppe und den Verteilungen, soweit sie in den für alle sichtbaren Konsum fließen. Daher die Frage: Was nennt man Sozialstaat? Den Staat mit gleichen Chancen? Oder den Staat mit ungleichen Chancen und anschließendem Ausgleich durch Umverteilung?

Zweitens: Diffiziler ist folgende Frage: Wer in Stockholm unterwegs ist, sieht, dass es eine reiche Stadt ist. Schweden investieren auch eher in Aktien. Trägt daher das deutsche Sparverhalten mit dauerndem Zufluß auf Sparkonten, die immer mehr real an Wert verlieren werden, zur Zunahme der Ungleichgewichte bei? In den USA haben jedenfalls die Aktienbesitzer die Boomzeiten des Kapitalismus vorrangig genießen können. Aber auch hier die Frage: Kommt das New Normal mit Nullwachstum, wo auch dieser Weg der Assetaufwertung und Dividendenströme an seine Grenze stößt?

Drittens: Deutschland braucht schon längt einen Schuldenbericht, einen Verteilungsbericht, einen Renten- und Pensionsbericht, in dem uns alle angehende ökonomische und Verteilungsfragen transparenter dargestellt werden. Bei jahrzehntelanger schwacher Zunahme der Einkommen produziert gerade unser deutsches System zu allem Überfluß stark zunehmende Ungleichgewichte der Einkommen.

Quelle: OECD, Link unter http://www.oecd.org/document/40/0,3746,en_21571361_44315115_49166760_1_1_1_1,00.html

Link zu methodischen Problemen insbesondere zum Gini-Koeffizienten und der Berechnung regionaler Abweichungen. http://www.oecd.org/dataoecd/2/15/15918996.pdf zu der Einkommensentwicklung ab 1985 http://www.oecd.org/els/socialpoliciesanddata/49170768.pdf

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