Hundert Jahre 10-Jahres-Staatsanleihen der USA. Oder Paradox der Regulierung.

Unser Chart (von Chart of the Day) zeigt die Entwicklung der Zinsen für 10-Jahres-Staatsanleihen der Vereinigten Staaten seit 1900:

Schaubild: 10-Years-US-Treasuries seit 1900 (Chart of the Day) Link: http://www.chartoftheday.com/20111216.htm?T

Interpretation: Die erste Spitze der Zinsen fällt in jene Periode, als der Erste Weltkrieg und seine Nachwehen die Ordnung der „Viktorianischen Globalisierung“ (Niall Ferguson, Geschichte des Geldes, The Ascent of Money) und damit das fein und stabil geflochtene Finanzsystem des 19. Jahrhunderts zerstörte. Vorbei sind die Zeiten, als es hieß „So sicher wie die Bank“, gemeint die Bank of England, die immer! bereit war, jede Pfundnote in Gold umzutauschen.

1923 bezeichnet John Maynard Keynes die letzten erhaltenen Reste dieser monetären Ordnung als „barbarous relic“, als ein „barbarisches Relikt“, woraus manche die Legende schmieden, er habe „Gold als barbarisches Metall“ bezeichnet. Am 5. April 1933 unterzeichnet der US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Executive Order 6102 und verbietet bis auf einen Goldwert von 100 Dollar unter Androhung hoher Strafen den privaten Goldbesitz in den USA. Hoffentlich gab es keine Insider. In Deutschland nimmt ohnehin eine völlig andere Welt ihren Lauf.

Interessanterweise veröffentlicht gerade in dieser Zeit Keynes seine „Allgemeine Theorie“ unter dem neuen Regime auch in Deutschland. Es lohnt sich aus dem deutschen Vorwort vom 7. September 1936 zu zitieren:

„Trotzdem kann die Theorie der Produktion als Ganzes, die den Zweck des folgenden Buches bildet, viel leichter den Verhältnissen eines totalen Staates angepaßt werden als die Theorie der Erzeugung und Verteilung einer gegebenen, unter Bedingungen des freien Wettbewerbes und eines großen Maßes von laissez-faire erstellten Produktion. Das ist einer der Gründe, die es rechtfertigen, daß ich meine Theorie eine allgemeine Theorie nenne. Da sie sich auf weniger enge Voraussetzungen stützt als die orthodoxe Theorie, läßt sie sich um so leichter einem weiten Feld verschiedener Verhältnisse anpassen. Obschon ich sie also mit dem Blick auf die in den angelsächsischen Ländern geltenden Verhältnisse ausgearbeitet habe, wo immer noch ein großes Maß von laissez-faire vorherrscht, bleibt sie dennoch auf Zustände anwendbar, in denen die staatliche Führung ausgeprägter ist. Denn die Theorie der psychologishen Gesetze, die den Verbrauch und die Ersparnis miteinander in Beziehung bringen; der Einfluß von Anleiheausgaben auf Preise und Reallöhne; die Rolle, die der Zinsfuß spielt – alle diese Grundgedanken bleiben auch unter solchen Bedingungen notwendige Bestandteile in unserem Gedankenplan.“

Empfindlichen Seelen könnte es hier kalt über den Rücken laufen. Wie eine neue Geld- und Denkordnung als Folge von Krieg, Politik und Wissenschaft als ein mehrdimensionales, allseits relatives und mächtiges Geschöpf geboren wird. Aus dem Nichts da und gültig.

Unser Chart zeigt möglicherweise die Folgen. Es kommt zur neuen Produktion von Geld. Anders und viel, viel billiger. Nicht mehr archaisch, sondern abstrakt, wissenschaftlich, staatlich genormt. Methodisch-ökonomisch gesehen braucht es zur Entstehung nur noch eine Kreditbeziehung, aber keine Letztgarantie mehr, wirtschaftspolitisch braucht es nur die makroökonomische Steuerung der Volkswirtschaft nach „unserem Gedankenplan“, kulturdemokratisch das Versprechen des Massenwohlstandes in einem stimmenmaximierenden Wettbewerb der Parteien als Antrieb für seine, des Geldes Vermehrung und Wachstum. Und das sich anpassende finanzielle Netz. Das den Schritt von seiner selbst geschaffenen Banknote zum Geldschein mitvollzieht. Es ist eine Tragik der Geschichte, dass dieser gewaltige und absolut paradox verlaufende Prozess Regulierung genannt wird.

Was billig ist, wird in großem Maße produziert, heizt die Inflation an, folglich müssen die Zinsen erhöht werden. Am 6. August 1979 ernennt Präsident Jimmy Carter (Demokratische Partei) seinen Parteifreund Paul Volcker zum neuen Präsidenten der Federal Reserve. Er wird nun mit einer beispiellosen Runde von Zinserhöhungen die Inflation bekämpfen. Das ist die Spitze in unserem Chart. Wirklich ohne Beispiel.

Wir wollen die Geschichte hier verkürzen. Die Globalisierung fängt nun die erst recht wachsende private und staatliche Verschuldung und damit Geldmenge dank eines elastischen Bankensystems voll auf.

Bis es heute zur großen Zinsdivergenz von Treasuries und griechischen Staatsanleihen kommt. Das Geld ist um die Welt gekreist und segelt wieder reich wie venetianische Schiffe aus dem Orient mit geblähten Segeln stolz in die sicheren Häfen (auch in Deutschland), Häfen, die es willkommen heißen – zu ihrem Preis, der sehr niedrig ist.  Das ist, wahrhaft bildlich, der Abschwung der Zinskurve.

Die Jahrhundertgeschichte des Geldes geht zu Ende. Wie wird es weiter gehen? In Europa herrscht eine geteilte Welt, in Deutschland Facharbeitermangel, in Griechenland gibt es ausgebildete Informatiker, die nach Schwämmen tauchen, um Geld zu verdienen. Geld nach „unserem Gedankenplan“.

P.S. Paul Volcker wird Jahrzehnte später Berater von Präsident Obama und hatte eine Zeitlang im Hintergrund damit großen Einfluß auf die neuen Regeln zur Verschärfung der Überwachung der Finanzaufsicht über die Wall Street.

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