Staatliche Makrosysteme Frankreich und Deutschland seit 2000 im Vergleich.

Der neue französische Staatspräsident François Hollande läßt die Diskussion über Eurobonds wiederaufleben und fordert zugleich im Gegensatz zum kürzlich beschlossenen „Fiskalpakt für Europa“ unter dem politischen Logo „Wachstumspakt für Europa“ zusätzliche Ausgabenprogramme. Die beiden größten Volkswirtschaften des Euroraums stehen sich nun mit wirtschaftspolitsch konträren Positionen gegenüber.

Aus diesem aktuellen Anlaß vergleichen wir anhand der Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF, IMF für International Monetary Fund) die makroökonomische Position der Staaten Frankreich und Deutschland in ihren jeweiligen Volkswirtschaften seit dem Jahr 2000, d.h. seit eigentlicher Eurozeit (seit 1999 Buchgeld und seit 2000 offizielle Währung im sogenannten Euro-Raum). Unter Staat verstehen wir die großen Aggregate Steuer- und Sozialsystem, mit denen der Staat in den Wirtschaftskreislauf über Einnahmen und Ausgaben als Akteur eingreift. Dieser Vergleich scheint angebracht, da seitens Frankreich nun im Sinn des sogenannten „Wachstumspaktes“ eine Ausdehnung der Ausgaben des staatlichen Sektors gefordert wird, der sich über die zugleich geforderten Eurobonds nun verstärkt gemeinschaftlich finanzieren soll. Vielleicht zeigt die Statistik schon etwas?

Schaubild 1: Einnahmen, Ausgaben Staaten Deutschland, Frankreich 2000 – 2011 (IWF-Daten)

Unser erstes Schaubild zeigt in einer großen Sicht, wie sich in den Ländern Frankreich und Deutschland staatlich gesteuerte Einnahmen und Ausgaben seit dem Jahr 2000 entwickelt haben: Einnahmen und Ausgaben Frankreichs dargestellt als die beiden unteren Linien, Deutschland als die beiden oberen Linien. Wir erinnern: Die Betrachtung zeigt den Gesamtstaat einschließlich seiner Sozialsysteme.

Ausgaben in beiden Ländern.

Was sofort auffällt, ist die wie am Lineal gezogene Steigerung der Ausgaben in Frankreich (rote, etwas hervorgehobene zweite Linie von unten). Deutschlands Ausgaben (oberste rote Linie) starten fulminant seit 2000, um dann zu verharren und erst später zu wachsen und erneut zu konsolidieren. Der Effekt beider Dynamiken: Die anfänglich große Schere zwischen deutschen und französischen Ausgaben schließt sich!

Einnahmen in beiden Ländern.

Frankreichs Einnahmen (blaue Linie) steigen seit 2000 wohl zunächst kontinuierlich an, aber halten auf Dauer nicht Schritt mit den Ausgaben und lassen die Schere sogar sich ständig öffnen. Deutschlands Einnahmen liegen mit der Einführung des Euro zunächst deutlich unter seinen Ausgaben (massive Defizitjahre!), um dann wieder deutlich zu steigen. Zieht man die Schere zwischen deutschen und französischen Einnahmen in Betracht (grün, blau), so schließt sie sich zunächst, um dann sich wieder leicht zu öffnen.  Interessanterweise verzeichnen beide Länder Einnahmen auf Rekordhöhe, Frankreich in 2011 auf Rekordhöhe, Deutschland in 2010.

Länderweise.

Focussieren wir die Betrachtung erneut auf das einzelne Land. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben in Frankreich öffnet sich tendenziell immer weiter, in Deutschland öffnet und schließt sie sich und entspricht in ihrem Verhalten eher ihrem eigentlichen Namen „Schere“. Fazit: Die sogenannte Built-in-flexibility fehlt dem französischen Aggregat, es arbeitet bereits mit (trotz massiver externer Veränderungen) kontinuierlich wachsenden Ausgaben. Deutschland hat offenbar mit Euro-Einführung zunächst massiv expandiert, um wieder den Pfad einer Balance anzustreben.

Schaubild 2 Frankreich Deutschland Staatsschulden pro Kopf in Euro

Das Ergebnis der unterschiedlichen Entwicklung in beiden Ländern drückt sich zwangsläufig in den Staatsschulden pro Kopf aus. Frankreich überholt Deutschland! Deutschlands pro-Kopf-Schulden gehen allerdings absolut auch nicht zurück (Bild oben). Schauen wir nun das Verhalten von französischen Einnahmen zu deutschen Einnahmen, französischen Ausgaben zu deutschen Ausgaben an:

Schaubild 3 Frankreich Deutschland Einnahmen zum Vorjahr in Prozent

Das Schaubild zeigt für die Einnahmenseite die jeweiligen jährlichen Veränderungsraten in beiden Ländern zum Vergleich. Frankreich hat sich aus der Krise beachtlich gut erholt. Oben war bereits auf die Rekordhöhe der Einnahmen der staatlichen Systeme von Staatshaushalt und staatlichen Sozialsystemen hingewiesen worden. In der Finanzkrise war der Abschwung der Einnahmen aber deutlicher als in Deutschland. In Deutschland zeigt die Einnahmenseite (mit Einschränkungen durch die Finanzkrise) eine zunehmende Verbesserung.

Schaubild 4 Frankreich Deutschland Ausgaben zum Vorjahr in Prozent

Ausgabenseite beider Länder im Vergleich

Betrachten wir zunächst Deutschland. Zu Beginn der Eurozeit ist in Deutschland massiv ausgegeben worden. Es folgte die unweigerliche Diät, in der anschließenden Finanzkrise ab 2009 wurde der Hahn staatlicher Ausgaben in unserem Land nicht zugedreht, sondern weit offengelassen, sogar über die Steigerung des Nachbarlands hinaus, mit der Folge, dass die konjunkturstützende Ausgabenwelle nun in der massiven wirtschaflichen Erholung von 2011 wieder zurückgefahren werden konnte. Völlig anders Frankreich: Leicht abnehmende Konstanz oder vielleicht Inflexibilität?

Fazit: Der statistische Vergleich analysiert nicht die tieferen wirtschaftlichen und politischen Ursachen der unterschiedlichen Verhaltensweisen der makroökonomischen Staatsaggregate in Frankreich und Deutschland. Zu nennen wäre hier: Die stärkere Industrialisierung Deutschlands, ferner wird der deutsche Sektor Staat mit seinen Steuereinnahmen stärker betroffen, aber profitiert auch eher von der tieferen Integration der deutschen Volkswirtschaft in den weltweiten Prozess der Globalisierung. Ferner nicht uninteressant ist: Deutschlands politisches System tendiert (noch) zur Stabilität. Dennoch zeigt der statistische Vergleich doch sehr deutlich: Erstens: Deutschlands staatliches System aus Steuern und Sozialbeiträgen reagiert elastischer oder wird politisch entschlossener mal auf Ausgabe-, mal auf Sparkurs gehalten. Zweitens: Frankreichs System dagegen gibt, vereinfacht gesprochen, bereits vor und nach der Krise kontinuierlich über Staat und Sozialsystem Geld aus, so dass eigentlich noch mehr Ausgaben als Lösung in der jetzigen Situation, die keine wirtschaftspolitische Notsituation darstellt, kaum einsichtg sind.

Thema Eurobonds: Zwei Argumente:

Erstens: Wenn zwei Staaten wie hier betrachtet Deutschland und Frankreich unterschiedliche wirtschafts- und fiskalpolitische Linien insbesondere auf der Ausgabenseite fahren, warum sollte die Europa-Lösung nun und nur auf der Einnahmenseite eine Rolle spielen? Zumal der neue französische Staatspräsident gerade die Haushaltsautonomie Frankreichs im Wahlkampf auf seine Fahnen geschrieben hatte? Zweitens: Diie Verteilungsfrage: Wer kommt in den Vorteil von Eurobonds? Die Großen, die Kleinen, die Schwachen, die Starken, die Alten, die Neuen? Ungeklärte Fragen.Vielleicht reicht es hier nur, auf die eher allgemeine Schlußerklärung des G8-Gipfels in Camp David hinzuweisen, dass die Eurozone ein Gleichgewicht von Fiskalpakt, Strukturreform und Wachstumspakt anstreben sollte. Weiter ist man politisch noch nicht. Siehe oben, unseren Vergleich Frankreich Deutschland. (Dr. Johannes Wierer)

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