Das Geheimtelefonat Rajoy-Monti am 19.6.2012

Der Rauch um den Höhepunkt setzenden EU-Gipfel in Brüssel am Donnerstag/Freitag, den 29./30 Juli, fängt an sich zu legen. Es war daher nur eine Frage der Zeit, wann vertrauliche Informationen aus dem engsten Kreis der Verhandlungspartner das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Besondere Aufmerksamkeit verdient hier das geheime Gespräch zwischen dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy und dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti am Dienstag, den 19. Juni 2012. Hier wurde der große Coup eingefädelt, mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und mit ihr Deutschland auf dem letzten Treffen der EU-Staatschefs nach Strich und Faden ausgetrickst wurden und die Einführung von Euro-Bonds in leicht modifizierter Form doch beschlossen wurde. Wegen der Bedeutung dieses Vorgangs gerade für Deutschland bringen wir das Telefonat in der deutschen Übersetzung. Mario Monti und Mariano Rajoy unterhielten sich meist in Englisch, dazwischen wechselten sie bisweilen in ihre teils ähnlich klingenden Muttersprachen:

Mario Monti greift wahrscheinlich zu seinem Privathandy.

„Monti“

„Hier  Rajoy, Mariano, Hallo Mario.“

„Oh, Hallo, Mariano, was gibt’s? Du rufst auf meinem Privathandy an….“

Leises Lachen zu hören.

„Du hast mir die Nummer für besondere Fälle gegeben. Ich habe eine Idee…“

„Ich verstehe…. Moment mal“

Pause, wahrscheinlich schickt Monti jemanden raus oder geht selbst raus.

„Ich bin wieder da, also ich höre…“

„Ich habe Dir ja bei unserem letzten Treffen in Brüssel gesagt, dass das so nicht mehr weiter geht. In Spanien läuft  nichts mehr…“

„Ziemlich ähnlich Italien, wir berappeln uns zwar zinsmäßig etwas…. Jedenfalls hast Du ja den interessanten Vorschlag mit der Bankenunion gemacht…. Top-Idee. Und jetzt hast Du was Neues?“

Knacken in der Leitung. Monti sagt, er geht ans Fenster wegen der Verbindung.

„Geht es jetzt besser?“

„Ja…. Ich habe die Situation analysiert, also die Sache ist ganz einfach. Wir können beim nächsten EU-Gipfel bekommen, was wir wollen…“

„Moment! Wir haben uns schon neunzehn mal getroffen und kommen nicht vorwärts… “

„Stimmt! Aber die Dinge haben sich vollkommen geändert. Die Kräfteverhältnisse. Silvio, Sarkozy sind weg. Jetzt sind wir da, verstehst Du, Wir! Du kennst Brüssel wie Deine Westentasche als ehemaliger Kommissar, bist Professor, glaubwürdig. Und ich habe eine ganze Legislaturperiode vor mir. Wir sind jetzt stärker. Eigentlich sind wir drei, François in Frankreich, wenn Du ihn zu uns zählst, François ist stark. Und Merkel ist schwach!“

Monti lacht ins Handy:

„Ok, Mariano, die Kräfteverhältnisse haben sich tatsächlich geändert. Aber Merkel schwach?“

„Genau das! Merkel ist schwach….. Sie hat die Gegner in ihren eigenen Reihen, ihr Koalitionspartner ist eine Leiche, ihre Mehrheit ist weg, sie muß taktieren und Stimmen kaufen, dauernd sind Wahlen in dem Land. Angela Germania hat eigentlich alle gegen sich, die eigene Bevölkerung, die Opposition, die eigene Partei teils, Obama, London, das Finanzsystem will Euro-Bonds, die Verbände und Firmen in Deutschland. Und sie heißt Mrs. No…. verstehst Du…“

„Ja ich verstehe. Du willst sagen, Angela, die Deutschen generell machen und helfen, Und kommunizieren nur Negatives…“

„Genau das Mario. Und unsere Freunde im Norden sind sich generell nicht einig. Die Deutschen wollen keine Eurobonds, aber sind dagegen, dass Merkel richtig Krach schlägt. Die deutsche Industrie will, dass es läuft. Und ihre drei Leute von der Opposition treffen sich bei François. Der will ja den gemeinsamen Topf….“

„Also Mariano, du meinst, Merkel balanciert zwischen den Problemen hin und her…“

„Genau das tut sie..“

„Und Du willst jetzt eine Situation schaffen, oder siehst sie, in der sie die Balance verliert und dem Süden doch hilft….“

„Mario, Gentleman, wie vornehm, Du es ausdrückst. Ich hätte sonst gesagt, sie ist erpreßbar. Und wir müssen sie erpressen… “

„Halt Mariano, laß‘ mich es sagen: Du willst Geld aus Nord-Europa für den Süden gegen Wachstumspakt! Alles oder nichts…“

Pause, leise Geräusche wie Kichern.

„Ah, Mario, der Fuchs jetzt…., der schnell versteht…. Genau so ist es.“

„Und Du wirst mir sagen, dass es am neunundzwanzigsten nachts passieren soll… Genauso nachts wie in der Nacht des ersten Pakets für Griechenland… entweder Geld für den Süden oder wir lassen den Gipfel platzen….“

„Also, Mario, Super! Ich sehe, Du machst das Ding und hast schon selbst alles durchgespielt… wahrscheinlich hast Du auch schon in die gleiche Richtung gedacht..“

„Könnte sein… ich weiß jedenfalls, wenn überhaupt, muß es ein Überraschungsangriff sein. So wie immer, wie wir sagten, nachts, wir verhandeln, und dann Showdown,  Konzessionen vom Norden oder geplatzter Gipfel.“

„Man merkt, Du bist in Brüssel zuhause, Kommissar für Wettbewerb, Professor…. Und strahlst was aus…. ich und Hollande sind neu.“

„Hör auf, Deine Ideen sind für einen Anfänger schon sehr gut. Und vielen Dank, das wird für uns alle viel Arbeit sein, das umzusetzen…“

„Mit den Zinsen hast Du dann aber weniger Arbeit….“

„Du aber auch…“

„Stimmt…“

„Hast Du mit Frankreich schon darüber gesprochen…“

„Nein…“ „Das tut einer von uns beiden auf jeden Fall… Mal sehen, wann der beste Zeitpunkt ist. Wie ich François einschätze, wird er geschmeichelt sein, wenn wir ihn einweihen. Und wird später der Presse ins Ohr flüstern: Ich war dabei. Dann sieht es drei gegen eine aus…. Hollande baut sich gerne als Gegenpol zu Angela auf. Er wird  viel auf sich ziehen.“

„Du meinst, wir haben eine Chance?“

„Ich glaube ja, Merkel steckt in der Sackgasse.“

„Ja, deswegen spreche ich mit Dir. Sie hat sich selbst angebunden, total, meine Leute in Spanien haben mir Presseausschnitte zusammengestellt. Scheitert der Euro, scheitert Europa! Und: Keine Eurobonds, so lange ich lebe, das paßt doch nicht. Eurobonds – Deine Idee, Mario…“

Lachen.

„Nicht meine Idee, Junckers und Tremonti, die Londoner haben applaudiert….“

„Na gut, könnte aber von Dir kommen…“

„Vielleicht… Also, hast Du mir von Deiner Idee  alles erzählt? Eigentlich nur eine Art Angriff: Bedingungslose Verhandlung ohne Vorwarnung möchte ich das mal nennen.“

„Ja, aber ganz ehrlich, viel Neues habe ich Dir nicht erzählt? Stimmt’s“

Verhaltenes Seufzen.

„Meinst Du, ich ahne nicht, was hier abläuft. “

„Sehen wir uns in Rom vorher?“

„Ich werde es einrichten…. Unsere Büros terminieren das… Die haben jetzt viel Arbeit, müssen verdammt viele Papiere vorbereiten… Wir nehmen auf jeden Fall die Bankenunion auf und auch den erleichterten Zugang zum ESM ohne Troika-Kontrolle. Zehn Tage haben wir Zeit. Das ist nicht viel.“

„Mario, nur eine letzte Frage, ist das ein Komplott, was wir machen?“

„Nein, wir bringen Europa vorwärts…“

Ende des Telefonats mit den üblichen Abschiedsworten. Das Gespräch ist wahrscheinlich in Italien mitgeschnitten worden.

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