Philosophie und Ökonomie. Parochialeffekt der Philosophie.

Welche Beziehung gibt es zwischen Philosophie und Ökonomie? Wie sieht oder kann ihr Verhältnis aussehen? Und gibt es einen spezifisch deutschen Zusammenhang zwischen Philosophie und Ökonomie? Wenn Sie diese Frage verwundert, dann stelle ich mal folgende Frage: Haben Sie schon das das Buch von Richard David Precht, dem aktuellen philosophischen Gewissen Deutschlands, „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ gelesen? .Wenn nicht und Sie es dennoch auf Ihrer Liste der zu Lesenden haben, dann seien Sie nicht verwundert darüber, dass Precht für mich bis Seite 150 ein sehr interessanter Autor war, aber ab Seite 150 in meinem Ansehen deutlich nachließ und ich mir beim weiteren Lesen des Buches zwangsläufig Gedanken über ein völliges anderes Thema machte: Aussagenwerte von Philosophie und von ökonomischer Theorie und das Verhältnis der beiden und die tiefengründige, philosophische Befangenheit speziell der Deutschen und deren problematische Auswirkungen auf die Beurteilung speziell ökonomischer Zusammenhänge. Wenn ich Deutsche sage, dann ist damit ein statistischer Schnitt gemeint, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Precht, Seite 150.
Nun der Reihe nach. Was passiert auf Seite 150 des Buches von Richard David Precht „Die Kunst, kein Egoist zu sein“? Es ist eine mehr beiläufige Bemerkung, die da fällt, auf den ersten Blick kaum relevant erscheint und die da lautet: „der scharfsinnige Philosoph Georg Simmel“. Wir werden uns nun an der Bemerkung „scharfsinnig“ aufhalten, sie in einen bestimmten historischen Kontext einordnen und darüber hinwegschauen, dass das Wort „scharfsinnig“ in der pauschalen Form ohnehin fragwürdig ist. In Ilias und Odysee hieß es immer beispielsweise „die kuhäugige Athene“, was ein sogenanntes „epitheton ornans“ sei, ein schmückendes Attribut, das Precht zu verteilen sich hier wie Homer anmaßt. Und zwar wie wir sehen werden, nicht zu Recht.

Die wenigsten werden Georg Simmel (1858-1918) kennen, und wenn überhaupt so wie ich, vor allem sein Werk „Die Philosophie des Geldes“ von 1900, neuerdings erschienen und damit wieder populär gemacht über den Kult- und im Zeitalter von Bookreader Kindle und Download-Platform i-tunes nicht ganz ungefährdeten Verlag 2001. Wo liegt nun das Problem dieses Wortes „scharfsinnig“? Wieso kann man sich daran reiben und über einen Zusammenhang zwischen ökonomischen und philosophischen Einstellungen der „Deutschen“ reflektieren?

Die „Philosophie des Geldes“ von Simmel ist wie gesagt im Jahre 1900 erschienen, erstmals 1900 bei Duncker & Humblot in Leipzig. Sie breitet auf vielen langen Seiten eine Art von Kulturgeschichte oder Sozialphilosophie des Geldes aus.

Lassen wir den nach Precht „scharfsinnigen“ Simmel daher selbst zu Wort kommen und was er über Geld sagt. Unsere Zitate beziehen sich auf die die zweite, vermehrte Auflage Leipzig: Duncker & Humblot 1907, die 2009 vom Anaconda Verlag in Köln nachgedruckt wurde.

Simmel über Geld:

Seite 178 f.: „Man darf die materiale Wertlosigkeit dieses letzteren (des Papiergeldes, d.V.) nicht deshalb als irrelevant erklären, weil es nur eine Anweisung auf Metall wäre. Dagegen spricht schon die Tatsache, das selbst ein völlig ungedecktes Papiergeld doch immer als Geld gewertet wird.“

Weiter Seite 179: „Der steigende Ersatz des baren Metallgeldes durch Papiergeld und die mannigfaltigen Formen des Kredits wirken unvermeidlich auf den Charakter jenes selbst zurück – ungefähr wie im Persönlichen jemand, der sich fortwährend durch andere vertreten läßt, schließlich keine andere Schätzung erfährt, als die seinem Vertreter gebührende. Zu je ausgedehnteren und mannigfaltigen Dienst das Geld berufen ist und je schneller das einzelne Quantum zirkuliert, desto mehr muß sein Funktionswert über seinen Substanzwert hinauswachsen“.

Seite 254: „Die Hauptsache, aber ist, daß die Bedeutung des Metalles für das Geldwesen immer mehr hinter die Sicherung seines funktionellen Wertes durch die Organisation des Gemeinwesens zurücktritt. Denn das Metall ist eben ursprünglich immer Privatbesitz und darum könen die öffentlichen Interessen und Kräfte nie absolut Herr darüber werden.“

Seite 285: „Deshalb ist von ethnologischer Seite bemerkt worden, daß, wo jeder selbst beliebig herstellen kann, wie beim Muschelgeld die Machstellung der Reichen und der Häuptlinge sehr schnell erschüttert wird.“

Weiter auf dieser Seite: „Geld ist was der Staat als Geld und Wert festsetzt.“

Dies erklärt Simmel am Beispiel der Kupfermünzen im antiken Rom.

Seite 286: „Wenn nun in den oben geschilderten Entwicklungen das Geld einem Punkt zustrebt, wo es, zum reinen Symbol geworden, ganz in seinen Tausch- und Mehrzweck aufginge, so zeigen mannigfache Parallelen die allgemeine geistesgeschichtliche Tendenz, die es in jene Richtung führt.“

Seite 287: „…, so knüpft sich unser Wertgefühl an ihre Form (der Erscheinung des Geldes, d.V.), weil sie die Form dieses Inhaltes, an ihren Inhalt, weil er der Inhalt dieser Form ist. Auf höherer Stufe sondern sich diese Element und es wenden sich besondere Schätzungsweisen an die Funktion als bloße Form. Die Mannigfaltigkeit des Inhaltes, die von dieser getragen wird, erscheint ihr gegenüber oft irrelevant. So schätzen wir z.B. die religiöse Stimmung unter Gleichgültigkeit gegen ihren dogmatischen Inhalt.“

Seite 325: Zu den Juden im Zusammenhang mit Geld zitieren wir Seite 326: „Weil der Reichtum der Juden in Geld bestand, waren sie ein so besonders gesuchtes und fruchtbares Ausbeutungsobjekt; denn kein anderer Besitz läßt sich so schnell, einfach und verlustlos mit Beschlag belegen“

Geld als oberstes Kulturgut

Seite 346: „Die Bedeutung des Geldes, das größte und vollendetste Beispiel für die psychologische Steigerung der Mittel zu Zwecken zu sein – tritt erst in ihr volles Licht…“

Seite 806: „Das Geld bewahrt wirklich das Umfassende, das seinen allgemeinen Sinn ausmacht,… Auch sein Wesen liegt in der abstrakten Höhe, mit der es sich über alle Einzelinteressen und Stilgestaltungen des Lebens erhebt, es gewinnt seine Bedeutung in und aus den Bewegungn, den Konflikten, den Ausgleichungen all dieser, ein parteiloses Allgemeines, das in sich nicht den geringsten Anhaltspunkt für oder gegen den Dienst eines speziellen Interesses enthält. Und nun, ausgerüstet mit all der unvergleichlichen Fernwirksamkeit, Konzentriertheit der Kraft, Überall-Eindringlichkeit, wie sie gerade die Folge seiner Entfernung von allem Partikularen und Einseitigen ist, begibt es sich in den Dienst der partikularen Begehrung oder Lebensgestaltung.“

Seite 807: Hier wird dann nur folgerichtig Geld „als der ökonomische Extrakt des Wertkosmos in dessen ganzer Ausdehnung“ zum kulturphilosophischen Überding hochstilisiert. Noch nicht hier:

Seite 811: „Deshalb zieht jede Ausgabe von unsolidem Papiergeld die zweite nach sich, und die zweite noch weitere.“

Aber nun, diese Apotheose des Geldes als Kulturerscheinung, als ein absolut gültiges Gestaltungsprinzip der Wirklichkeit kulminiert schließlich in solchen Sätzen:

Seite 832: „Je mehr das Leben der Gesellschaft ein geldwirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher prägt sich in dem bewußten Leben der relativisitsche Charakter des Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde verkörperte Realität der wirtschaftlichen Gegenstände, die ihren Wert bedeutet. Und wie die absolutistische Weltansicht eine bestimmte intellektuelle Entwicklungsstufe darstellte, in Korelation mit der entsprechenden praktischen, ökonomischen, gefühlsmäßigen Gestaltung der menschlichen Dinge, – so scheint das relativistische das augenblickliche Anpassungsverhältnis unseres Intellekts auszudrücken, oder vielleicht richtiger zu sein, bestätigt durch das Gebilde des sozialen und des subjektiven Lebens, das in dem Gelde ebenso den real wirksamen Träger wie das abspiegelnde Symbol seiner Formen und Bewegungen gefunden hat.“

Beenden wir diesen Ausflug. Simmel sagt zwar ausdrücklich, dass er keine ökonomische Betrachtung anstrebt, obwohl in diesem umfangreichen Werk zwangsläufig viel über Tauschwert und Substanzwert des Geldes schreibt. Aber der Philosophie und speziell der Sozialphilosophie, ob sie nun auf idealistischen oder marxistischen Fundamenten nach den eingangs zitierten Auszügen von Habermas basiert, geht es doch um Erkenntnis. Gewinnen wir eine Erkenntnis?

Habermas
Um uns einer Bewertung zu nähern und zu verstehen (oder auch nicht), was das alles bedeutet, lassen wir zunächst den Altmeister linker Kulturkritik Habermas zu Wort kommen, der Simmel in den Strom deutscher Philosophie einordnet.

„Die zeitdiagnostisch angelegten Gesellschaftstheorien, die – von Weber ausgehend – auf der einen Seite über Lucács zur Horkheimer und Adorno, auf der anderen Seite über Freyer zu Gehlen und Schelsky führen, schöpfen allesamt auf der Reservoir der Simmelschen Kulturphilosophie. Max Weber entwickelt in seiner berühmten Zwischenbetrachtung eine Paradoxie der Rationalisierung, die sich auf die neukantischen Elemente der Simmelschen Diagnose, nämlich auf das Konfliktpotential eigensinnig ausdiffferenzierter Wertsphären und Lebensordnungen stützt. Lucács kann in Geschichte und Klassenbewußtsein die Deformationen des bürgerlichen Alltags und seiner Kultur nur darum materialistisch als Verdinglichungsphänomene begreifen, weil Simmel den umgekehrten Weg zurückgelegt und die Abstraktionen der entfremdeten Industriearbeiter als speziellen Fall der Entfremdung der schöpferischen Subjektivität von ihren kulturellen Objekten behandelt hat. Auch Horkheimer und Adorno variieren mit ihrer Theorie der Massenkultur nur ein Simmelsches Thema. Und mit ihrer Dialektik der Aufklärung, in der sich der Prozeß der Verdinglichung zur Allgemeinheit eines weltgeschichtlichen Rationalisierungsprozess verflüchtigt, nehmen sie die These Simmels auf: „Der äußerlichen Objektivität und Sichtbarkeit nach ist allerdings die wachsende Herrschaft auf Seiten des Menschen; aber damit ist noch gar nicht entschieden, daß der subjektive Reflex, die nach innen schlagende Bedeutung dieser Tatsache, nicht im entgegengesetzten Sinne verlaufen könnte …. Der Satz, daß wir die Natur beherrschen, indem wir ihr dienen, hat den füchterlichen Revers, daß wir ihr dienen, indem wir sie beherrschen.“ Während die Marxisten am expressivistischen Bildungsideal festhalten, aber der Verselbständigung des objektiven Geistes eine materialistische Lesart abgewinnen, entfernt sich die bürgerliche Kulturkritik Schritt für Schritt vom lebensphilosophischen Anspruch auf Versöhnung und wendet die These von der Entfremdung des objektiven Geistes ins Affirmative. Hans Freyer und Joachim Ritter sehen in der Dynamik der Versachlichung von Kultur und Gesellschaft nur die Kehrseite der Konstituierung eines Bereiches erstrebenswerter Freiheit. Simmel… noch mit Skepsis betrachet. … Gehlens Kritik an der Ausbreitung eines leeren , von allen sachlichen Imperativen losgesprochenen Subjektivität näher bei Simmel. Andererseits weist Gehlens neukonservative Verherrlichung der „kulturellen Kristallisationen“ (übrigens ein von Simmel entlehnter Ausdruck) bereits in die Richtung des Luhmannschen Funktionalismus, der von Simmel einzig die zu Systemen geronnenen Objektivationen behält, während er die Subjekte selber zu Systemen verwesen läßt. Der Systemfunktionalismus hat das „Ende des Individuums“, das Adorno negativ-dialektisch einkreist, um es als selbstverhängtes Schicksal zu denunzieren, sprachlos besiegelt.“

Der Zusammenbruch des Geldes

Alles klar? Für manchen nein, für einige ja. Auf jeden Fall erkennen wir die Spannung zwischen marxistisch-materialistischer und der idealistischen Interpretation unserer Welt, was sich hier Kulturphilosophie nennt.

Und damit die zugespitzte Frage: Also warum wird hier bei Simmel das Erkenntnisprinzip der Philosophie so schwer verletzt? Weil die Kulturaussage so flagrant falsch ist. Weil keine zwanzig Jahre später das Geld, diese höchste Form der Kultur nach Simmel, genutzt wird und offenbar so leicht genutzt werden kann, um die Finanzierung des Ersten Weltkriegs zu ermöglichen.

Nicht nur in Deutschland verlief die Kriegsfinanzierung derart leicht über das Medium Geld, auch in den anderen europäischen Ländern. War oder ist Geld also ein Instrument der Kriegskultur, wenn man es als philosophisch zu interpretierendes Kulturphänomen auffaßt?

1923 fegte das monetäre Feuer der Großen Inflation über Deutschland hinweg. In einer Periode, in der deutsche Architektur mit dem Bauhaus-Stil, deutsche Malerei im Sinne des Stile tedesco wahrhaftig kulturell Großartiges zustande brachte. Geld als Kulturphänomen?

Wir könnten eine ganze Liste von großen Inflationen und Kriegsfinanzierungen in der weiten Welt heranziehen, um die philosophische Erhöhung des modernen Geldes von ihrem Sockel zu reißen. Und wie ist es mit der heute unbestritten weit verbreiteten, aber auch zu hinterfragenden Interpretation des modernen Finanzsystems als moralisch verwerfliche Methode des Kapitalismus zur Enteignung der Massen? Geld als Raubritterkultur? Ganz zu schweigen von der Krise um den Euro! Die Staatsschuldenkrise des Westens soll nach IWF-Vorstellungen, die gar nicht mehr unter dem Tisch gehandelt werden, sondern breit in die Öffentlichkeit gelangen und dort bewußt lanciert werden, über eine Art Soft-Inflation von vier bis sechs Prozent pro Jahr real abgeschmolzen, das heißt weginflationiert werden. Geld steht hier nicht wie bei Simmel monumental als ewiges Kulturgut über den Dingen, sondern wird als letztmöglicher Hebel in der konfiskatorischen Umgestaltung der Balance von Forderungen und Verbindlichkeiten gehandelt und diskutiert.

Viktorianische Welt
Ehe wir so weiter fortfahren, stellen wir uns lieber die Frage, wie es geschehen konnte, dass Simmel diese philosophische Interpretation des Geldes betrieb, ohne das große Dunkel zu ahnen, das folgte. Hier unsere Antwort: Weil Simmel im glorreichen Zeitalter der viktorianischen Globalisierung, des Metallstandards und des unverbrüchlichen Wertversprechens der Bank of England lebte, der Bank, die gegenüber jedem, das Verprechen einhielt, seine, der Bank präsentierten Banknoten auf Verlangen in die von vorneherein und allen bekannte und zu erwartende festgesetzte Menge von Gold einzutauschen. Geld war hier ein unverbrüchliches Versprechen der Werterhaltung. Hier war tatsächlich eine Entwicklung zu ihrem Höhepunkt angelangt, die Entwicklung vom Geld als einem Edelmetall zu Geld als einem allseits anerkannten Versprechen auf Edelmetall in Form einer Banknote. Weil die Bank of England als Sachwalterin in dieser Sache für das britische Königsreich in Zusammenarbeit mit den Banken die Einhaltung bestimmter Regeln garantierte. Ein ökonomisches und politisches Gleichgewicht, das der Erste Weltkrieg für immer zerstörte.

Der große Irrtum von Simmel ist umso bemerkenswerter, als ja schon lange die Quantitätsgleichung für den Geldwert bekannt war: Geldmenge mal Umlaufgeschwindigkeit und dieses Produkt geteilt durch die Gütermenge mit dem Preisniveau als Ergebnis. Das Geld als ein sehr praktischer und höchst schwankender Hebel, wenn nicht Strippenzieher des Preisniveaus, aus dem später Keynes und andere zusammen mit dem staatlich manipulierten Zins einen Hebel und Strippenzieher für die Entwicklung von makroökonomischen Größen bis hin zum Wohlstandsversrpechen moderner Demokratien entwickelten. Und heute Erhaltung der Staatsschuldenmaschinerie via ESM. Noch mal gefragt: Geld höchste Kulturschöpfung gemäß Simmel, dem „scharfsinnigen“ Simmel von Richard David A. Precht?

Parochialeffekt der Philosophie
Denken in ideellen Kategorien bei der Betrachtung realer Phänome? Gibt es da nicht eine furchtbare Parallele zu der bitteren Erfahrung des Helden aus dem Roman „Im Westen nichts Neues“, der während seines Heimaturlaubs von der Front des Ersten Weltkriegs seine ehemaligen idealistisch geschulten Schullehrer vom Durchmarsch nach Paris faseln hört, während er gerade noch die Schrecken der Schützengräben in seinen Gliedern verspürt, Schützengräben, in denen er später auch sterben wird. Das war eben die Zeit, in der Simmel mit anderen die große kulturelle Idee des Gemeinwesens als Träger und Hüter der großen Lebensmächte aufbaute. So wie Hegel den preußischen Staat für die Verwirklichung des Weltgeistes hielt.

Manchem mag das letzte Beispiel für die Diskrepanz zwischen Worten und Tatsachen zu weit gegriffen oder zu drastisch sein. Leider gibt es eine äußerst harte Wahrheit über den Graben zwischen ideeller Betrachtung und realer Analyse, die darin besteht, dass es über arm und reich entscheiden kann und wohl meistens auch entscheidet, auf welcher Seite des Grabens der Betrachtung – Philosophie oder kausal-empirische Analyse- man in Sachen Geld steht. Um das zu verstehen, schauen wir uns nur kurz an, wohin ungefähr zur gleichen Zeit wie Simmel und seine Philosophie des Geldes eine ganz andere Linie der Betrachtungen über Geld, ökonomische, hinführte. Die Perspektive ist dort sicherlich etwas breiter angelegt, sie hat aber zentral mit Geld zu tun.

Mathematiker

Genau im Jahr 1900, als Simmel seine „Philosophie des Geldes“ veröffentlicht, präsentiert Louis Bachelier, junger Mathematiker, seine Dissertation „Théorie de la spéculation“, in der er seine Entdeckung über eine Ähnlichkeit von Preisbewegungen von Bonds und Optionen mit der Diffusion von Hitze durch verschiedene Materialien ausbreitet. Die Originalität seiner Arbeit und insbesondere ihr Ergebnis bestand darin, die möglichen zukünftigen Preisbewegungen als eine Gauß-Verteilung von Wahrscheinlichkeiten zu betrachten. Die Jury, unter ihnen der berühmte Poincaré, bewertete die Arbeit nur mit „mention honrable“, weil sie zu weit vom akademischen Diskurs läge. Die Erkenntnisse von Bachelier entpuppten sich mit Verzögerung als ein Eckstein der modernen Finanztheorie. Im Jahr 1950 wurde Bachelier wiederentdeckt. In den 1960er Jahre legte Paul Samuelson genau zu dieser Frage, wie beurteilt ein Investor unter Unsicherheit die zukünftigen Preise von Anleihen und Optionen, seine Thesen vor. In den 1970er Jahren entwickelten Eugene Fama von der University of Chicago das Thema weiter. Und die Finanzmärkte saugten die Erkenntnisse für sich nun laufend auf.

Zur gleichen Zeit trat der junge Akdademiker Harry Markowitz auf den Plan und beschäftigte sich auch mit der Frage der Investition unter Unsicherheit. Er entwickelt das elegante Modell eines Ertrag-Risiko balancierten Portefolios. Unsere Sicht hier soll nicht ins Detail gehen, sondern einen Eindruck vermitteln für wissenschaftliche Perspektiven, ideale von Simmel gegen die empirisch bestimmten Perspektiven, die in die von Geld bestimmte Welt versucht hineinzuleuchten, um ihre innere Struktur zu erkunden. Die dann unmittelbar gestaltend auf diese Wirklichkeit selbst wirkt – weil die Finanzmarkte diese Erkenntnisse wiederum anwenden und laufend verbessern. Es entsteht ein Zyklus, in dem eine Erkenntnis formuliert wird, verifiziert oder falsifiziert wird, um daraus wieder neue verbesserte Erkenntnisse zu gewinnen. Wissenschaft, die aus der ökonomischen Praxis schöpft, von dieser rezipiert wird. Und wiederum neu forscht. Nicht viel anders gehen Unternehmen vor, wenn sie mit Lehrstühlen der Universitäten zum Beispiel an gemeinsamen technischen Forschungsprojeikten arbeiten.

Teilung von Wissen
Wir beenden an dieser Stelle diesen geschichtlichen Rückblick. Er scheint aber symptomatisch für die kutlurellen Diskrepanzen Angelsächsischer Raum zu Kontinental-Europa. Hier der scharfsinnige Simmel, der dieses Prädikat in USA oder England bestimmt nicht bekommt, dort die Empirie, die Geld wirklich untersucht.

Algorithmen, Simulation von Märkten, High-Frequency-Trade und alles dies sind letztlich angewandte Verfahren von ein und derselben Methode ausgehend, der empirischen Analyse des Sachverhaltes Geldes im Rahmen der Güter- und Finanzmärkte. Diese setzen dann diesen Strom von Erkennntnissen in eigener Form fort. Hier die Experten, die immer tiefer in die Funktionen eindringen und damit ihren Profit erwirtschaften, dort die anderen und die Kulturphilosophen, die das Thema real überhaupt nicht begreifen und sich über die Märkte wundern, früher wie Simmel sich daran ergötzten, so wie der Lyriker, der sich am Rauschen des Meers erfreut, während die Küstenbewohner die Dämme vor dem nächsten Sturm befestigen. Unsere obige Frage nach dem Zusammenhang von Philosophie und Ökonomie kommt zu dem Ergebnis, dass es eher eine Kluft gibt. Und die Philosophie fleißig an dieser Kluft arbeitet, erfolgreich, wenn man sich denn, wie Deutsche gerne, der Philosophie/Kulturphilosophie etc. zu intensiv widmet.

Oder: Die Erkenntnis von Simmel wäre dann: Geld als höchste Form der Kultur. Wie schön. Für den Finanzmarkt wäre das Geld eine von ihren Geheimnissen zu entschleiernde Form der Gewinnerzielung. Wie ertragreich. Und in diesem Ergebnis zeigt sich dann die fatale Kluft, in die Philosophie und die zur Philosophie in Deutschland weit verbreiteten Neigenden hineinfallen, wenn ein reales, ökonomisches Thema wie Geld mit der Philosophie à la Simmel betrieben wird. Oder wenn sich Philophie von der Realität abkoppelt. Der Philosoph wird immer gegen den Realisten verlieren. Und zwar richtig und wirklich Geld.

Philosophische Erhöhung des Geldes.
Wir wollen auch gar nicht auf einen inzwischen lange verstorbenen Philosophen geistig herumtreten. Worum es geht ist die falsche Methode auf das falsche Objekt. Man kann Simmel und seiner Zunft letztlich den Vorwurf nicht ersparen, dass sie das Thema Geld entweder philosophisch erhöhen, bis es zu einer Heiligung nicht weit ist (Simmel). Oder weil sie das Geld für ein Spielball böser Kräfte halten, die Finanzmärkte verteufeln (Habermas und viele andere).

Das heißt, wenn wir uns die Frage stellen, ob die marxistische Interpretation des Geldes und der Finanzwelt als Mittel der kapitalistischen Ausbeutung als Erkenntnis vorzuziehen sei, dann kann man nur sagen: Man hüte sich vor diesem Trugschluß. Denn Geld begleitet die Geschichte des Menschen seit den ersten Anfängen der Tauschwirtschaft. Kapitalistische Ausbeutung? Da hilft auch Karl Marx nicht weiter.

Philosophische Bücher lesen?
Eine weitere Frage wäre die: Kann man Simmel heute noch lesen? Uneingeschränktes Ja. Das Buch ist interessant. Man muß nur seine Grenzen kennen.

Weitere Frage in diesem Zusammenhang: Wie steht es generell mit der Lekture von Richard David Precht, der Simmel als „scharfsinnig“ bezeichnet. Antwort: Trotz des falschen Prädikats „scharfsinnig“ zu Simmel ist Precht gewiß lesenswert. Allerdings auch hier mit der sehr wichtigen Einschränkung, dass es in einer komplexen sozialen Welt und in einer noch komplexeren Welt der sie interpretierenden Sozialwissenschaft viel zu viele Widersprüche und Wissenslücken gibt, um ein endgültiges Urteil über irgend etwas zu fällen. Sir Karl Popper und seine Theorie der Erkenntnis sind hier gültig. Es gibt nur vorläufige, wahrscheinliche Wahrheiten, denn die nächste Wahrheit wartet, um die vorangegangene zu falsifizieren. Das Buch von Precht „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ ist hochinteressant und bringt einen wirklich lesenswerten Überblick über die Geschichte der Philosophie und modernen sozial orientierten Forschungen. Eben in Bezug auf die Frage des menschlichen Zusammenlebens. Aber es zeigt genauso wie das Buch von Sarrazin (die Erwähnung in diesem Zusammenhang sei verziehen), dass viele Autoren erst schreiben und dann anschließend den Titel ihrer Bücher, also nachträglich, wählen, wenn sie nicht allgemeine Titel wie „An inquiry into the nature…“ etc. wählen, wie es früher sehr üblich war. Der spezielle Titel des Buches soll zum Kauf anregen. Und siehe da: Precht ist übrigens der Frage, wie man kein Egoist sein könnte, überhaupt keinen Deut näher gekommen, im Gegenteil ist die Entfernung eher größer geworden. Man könnte nach seiner sehr lesenswerten Revue aller Theorien hochgradig dem Skeptizismus über die „gute“ Natur menschlicher Beziehungen verfallen. Und sich für alles Mögliche an Verhalten entscheiden. Oder gar nicht entscheiden. Hamlet-Problem, Faust-Problem.

Dann erhebt sich doch die Frage: Was heißt schon „lesenswert“, wenn am Ende die Unsicherheit größer ist als am Anfang? Versuchen wir die Antwort über das, was als „systemimmanente“ und Systemkritik bei den Marxisten en vogue ist und ergänzen es mit dem Ausdruck „Parochial-Effekt“ unserer Wahrnehmungen, mit dem sich Precht auseinandersetzt. Wenn oben die moderne mathematisch-statistisch orientierte Entwicklung der Analyse von Preisbewegungen an den Märkten der hehren, idealistischen Geldphilosophie und -Analyse von Simmel gegenübergesetzt wurde, dann könnte man sagen, die ökonomischen Mathematiker haben systemimmanent geforscht, die Philosophen schauen sich das System von aussen an. Aber wenn Philosophen ein reales ökonomisches Phänomen betrachten, setzen sie sich zwangsläufig zwei Gefahren aus: Der letztlich unvermeidbaren totalen Systemkritik der Marxisten (es gibt nur ein kapitalistisches, ausbeuterisches Geldsystem) oder dem Parochialeffekt, den Precht behandelt und dem Precht selbst verfallen ist. Parochialeffekt bedeutet nichts anderes für die alte Erfahrung des Kirchtumblickes, „la paroisse“ existiert aus dem Griechischen kommend noch als französisches Wort für den „Kirchensprengel“. Simmel ist wie oben dargestellt dem Parochialeffekt der historisch einmaligen viktorianischen Geldstabilität erlegen, Precht dagegen dem Paroichialeffekt seines philosophischen Wissens, das die soziale Forschung hervorragend abdeckt, aber eben die Frage völlig unberührt läßt, wie relevant Aussagen der Sozial- und Kulturphilosophie sein können, wenn man sie auf den Prüfstand einer nicht-philosophischen oder gar naturwissenschaftlichen Ergebnisanalyse stellen würde. Auch ist sehr zu befürchten, dass viele seiner zitierten Experimente der Sozialforschung zu anderen Ergebnissen kämen, wenn der ihnen zugrunde gelegte Kranz der ökonomischen und auch kulturellen Bedingungen sich wesentlich verändern würde.

Achtung: Philosophie!
Für die eingangs gestellte Frage, welche Bedeutung diese komplexe Beziehung zwischen Philosophie und hier Ökonomie für uns Deutsche haben kann, gelangt man damit zur Erkenntis, dass die deutsche Neigung zur Philosophie die große Gefahr der Fehlinterpretation realer, ökonomischer Phänomene in sich birgt. Gerade in der aktuellen „Finanzkrise“ ist dies sehr deutlich zu spüren. Es gibt vereinfacht gesprochen inzwischen verschiedene unterschiedliche öffentliche Meinungen, je nachdem welche Bücher im Bücherschrank stehen oder wie eng die jeweiligen Gruppen und Führungseliten in Staat und Wirtschaft mit der Bewältigung von ökonomischen Problemen beschäftigt sind. Je weniger der Mensch im Arbeitsprozess involviert ist, kommt dann die Gleichung zum Tragen: Umso mehr Zeit für Philosophie und umso mehr Ablehnung des Euro und umso mehr D-Mark-Nostalgie (was übrigens auch die Simmelsche Theorie von der Kulturform Geld ad absurdum führt). Und je mehr die Menschen draußen für
das Rauchen der Schornsteine oder für die Erhöhung der Steuereinnahmen (Staat, Politik) sorgen müssen, umso mehr direkte oder indirekt positive Stellungnahme für den Euro. Aber wer meint, dass daraus sich scharfe Trennungslinien entwickeln, der irrt. Die Fähigkeit der Menschen, mit Widersprüchen zu leben, scheint grenzenlos.

Ökonomische Teilung der Gesellschaft
Aber es gibt womöglich noch einen viel gefährlicheren Effekt, derjenige der wissensmäßigen Teilung der Gesellschaft, aus dem direkt ein realer und meßbarer ökonomischer Verteilungseffekt folgt (siehe auch oben). Mehr philosophisches Wissen steht mehr ökonomischem Wissen gegenüber. Die immer wieder zitierten Asymmetrien des Wissens spiegeln sich dann in Gewinner und Verlierer auf der Seite der Geldanlage wider.

Diese Asymmetrien verstärken und verwirren sich zusätzlich durch den paradoxalen Effekt, dass die Idee des Staates als Garant des Kulturelementes Geld sich in den Köpfen des Volkes festsetzt und man dort den Staat für eine Bastion in Sachen Euro hält, der Staat zusammen mit der Politik in Wirklichkeit und diese zusammen mit den Finanzmärkten schon längst ein instrumentelles und politisches Verhältnis zu Geld das heißt speziell dem Euro pflegt, was nichts anderes heißt, dass die Systemträger ihn stützen. Nach dieser Konzeption sendet die deutsche Politik zwei Signale in Sachen Euro-Politik aus: Einerseits die Botschaft der guten und althergebrachten Stabilität nach innen zur Beruhigung der an die großen, von Simmel so gut herausgearbeiteten historisch scheinbar ewigen Prinzipien des Geldes glaubende Bürgerschaft und andererseits in den EU- und IWF-Organisationen und Verhandlungen eine versteckte Botschaft der graduellen Akzeptanz von Veränderungen in Richtung Transferunion und europäischer Haftungsunion. Nach dem Motto: Die Bürgerschaft denkt insgesamt eher politisch-philosophisch, das Finanzministerium handelt praktisch-ökonomisch. Vielleicht nicht unser Thema: Die Methode der doppelten, internen und internationalen, Botschaften durch die Politik ist in einer Welt der zunehmenden Quantität und Komplexität von Information und Fakten offenbar risikolos gangbar. Wenn dann noch philosophische Konzepte und deutsche Gedankenneigungen die Sache zwar gedanklich und psychologisch verkomplizieren, aber andererseits durch die Verwirrung taktisch vereinfachen, umso besser. Karl Marx sagte einmal an die Adresse der Philosophie gerichtet: Es kommt nicht darauf an, die Welt zu erklären, sondern darauf an, die Welt zu verändern. Manchmal könnte man meinen, kommt es darauf an, die Welt zu verwirren.

Zitate aus:
Habermas, Jürgen: Simmel als Zeitdiagnostiker, in: Simmel, Georg: Philosophische Kultur, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt a. M. 2008, S. 15 – 26; Nachdruck aus: Habermas, Jürgen: Simmel als Zeitdiagnostiker, in: Georg Sinmmel: Philosophische Kultur: Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Precht, Richard David: Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält, 1. Aufl, Goldmann Verlag 2010, München

Simmel, Georg: Philosophie des Geldes, 2. vermehrte Auflage, Duncker & Humblot 1907, Leipzig, Nachdruck: 2009 Anaconda Verlag GmbH, Köln.

Simmel, Georg (Textauswahl): Philosophische Kultur, Zweitausendeins 2008, Frankfurt am Main,

Smith, Yves: Econned. How unenlightened self interest undermined democracy and corrupted capitalism, Palgrave Macmillan 2011, New York (Smith, ab Seite 63 ff. schildert sehr anschaulich die mathematische Seite der Ökonomie des Geldes).

Dr. Johannes Wierer

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Eine Antwort zu Philosophie und Ökonomie. Parochialeffekt der Philosophie.

  1. Janina schreibt:

    Ich habe das Buch von Precht gelesen, aber nicht wirklich mit großem Interesse. Habe es glaube ich zum Geburtstag bekommen… Aber als ich den Beitrag gelesen habe, fühlte ich mich wiederum an ein Buch erinnert, das ich erst vor kurzem gelesen habe: http://www.frieling.de/katalog/archive/978-3-8280-1942-3?backto=1 Übringens auch super geschrieben. Kann ich also nur empfehlen 🙂

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