Aufschwung ohne Wohlstand? Wird der ökonomische Vorsprung Deutschlands durch Lohnverzicht erkauft?

Vortragskonzept VHS Ratingen, Veranstaltungsraum 202,  7. November 2012, 19.00 – 20.30 Uhr.

In der Ankündigung zu unserem Thema heißt es:

„Wird der Vorsprung Deutschlands in der EU mit dem Lohnverzicht der Arbeitnehmer erkauft? Ist Deutschland inzwischen ein Niedriglohnland geworden? Aktuelle Statistiken zeigen, dass trotz Beschäftigungswunder die Ungleichheit in Deutschland wieder zunimmt. Die Gesellschaft teilt sich weiter in Arm und Reich. Triumphiert das Kapital jetzt endgültig über die Arbeit? Schließen wir uns in ein System ökonomischer Zwänge ein, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt? “

Erste Frage: Wer sagt „Lohndumping Deutschland“? Wo liegen die Ursprünge für unser Thema?

Unser Thema gliedert sich in mehrere Fragen, die zusammenhängen. Beginnen wir mit der These „Lohndumping“. Von wessen Seite und warum kommt es zur Behauptung, dass Deutschland seinen Aufschwung mit dem Lohnverzicht der Arbeitnehmer erkauft, zum Niedriglohnland geworden ist und sich daraus die Forderung ableitet, Deutschland müsse nun endlich kräftiger die Löhne anheben. Das ist zwar auch eine politische Frage. Man kann sich ihr aber auch nähern, ohne zu politisieren. Diesen Weg wollen wir hier versuchen. Und allgemeine Erkenntnisse gewinnen.

Die Vertreter der These der Niedrigentlohnung in Deutschland
Die Kritik an den Löhnen in Deutschland stammt insbesondere aus folgenden Quellen: Erstens, EU sowohl von der Kommission wie auch vom Parlament, hier insbesondere von den Grünen, aber auch generell aus dem Parlament; zweitens von internationalen Organisationen wie beispielsweise der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, der UNCTAD im Rahmen der Vereinten Nationen (UN), drittens von der Linken sowohl hier als deutsche Partei gemeint wie auch aus dem gesamten europäischen Spektrum, viertens bereits aus dem breiten Spektrum einer europäischen Öffentlichkeit, fünftens in abgemilderter Form von den deutschen Gewerkschaften, sechstens aus Kreisen der Wissenschaft in Deutschland, aber auch internationale Kreise der Wissenschaft und siebtens sogar von einer Quelle, die zu den Etablierten gehört wie beispielsweise McKinsey, die zwar nicht von „Lohndumping sprechen, aber doch unerwartet deutlich von einem Nachholbedarf der Löhne sprechen. Achtens: In gewisser Weise hängt unser Thema auch mit Forderung und Diskussion über den Mindestlohn zusammen. Neuntens: Es gibt einen Bezug auch zu Fragen des Exportüberschusses und der internationalen Ungleichgewichte bei Handel und volkswirtschaftlichem Wachstum. Last but not at least, letztlich, aber gar nicht wenig hat unser Thema eine ihm innewohnende gewaltige gesellschaftspolitische und sozialphilosophische, ja historische Dimension, wenn man das Thema ein Stück erweitert. Wir werden diese Aspekte streifen, mal mehr mal weniger, nicht jede Erklärung muß geteilt werden. Es geht auch um politische Fragen, wir politisieren aber nicht.

Lernziel

Ziel des Referates ist ein Mehrfaches. Erstens: Aufklärung über das gestellte Thema selbst; Zweitens  generell einen Einblick gewinnen über Methoden und Probleme der Statistik, Erkenntnisse über den Diskurs der politischen Diskussion – dies natürlich nicht erschöpfend, sondern nur beispielhaft. Drittens ein sogenanntes inneres „Ruckmoment“ zu entwickeln. Bildung als Fortschritt. Vergessen wir nicht die Sprachwurzel von „Fort-schritt“, „Pro-gress“ im Englischen oder „progrès“ im Französischen, „gressus“ in Latein der Schritt, der Lauf (des Schiffes zum Beispiel). Gerade in der heutigen Zeit zeigt sich, dass Bildung nicht nur kultureller Genuß sein kann (wo viele leider stehen bleiben), sondern viel, viel mehr: „Fort-schritt“ zu neuen Zielen, neuen Methoden, neuen Verfahren. Es gab Zeiten, da war der Besitz einer Bibel eben nicht erlaubt. Unsere heutige Zeit ist dagegen paradox: Es gibt eine Informationsflut, manche sagen Reizüberflutung. Es gibt aber auch eine neue Informationschance von historischer Bedeutung. Schauen wir uns einige Kritiken an.

Kritik seitens der EU-Kommission

Ein Zentrum der Kritik an Deutschlands Lohnsitutation, von Lohnpolitik wird man nicht sprechen können, ist die EU, hier vertreten durch die EU-Kommission.  So sagt der EU-Sozial-Kommissar László Andor, zuständig für die Sozial- und Arbeitsmarktagenda der EU,  ganz unverblümt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. September 2012:

„Deutschland hat die Krise mit verursacht“

Im Zusammenhang sagt Andor: „Die Ungleichgewichte im Euroraum sind nicht nur das Ergebnis fehlerhafter Politik in den Krisenstaaten. Deutschland hat dabei ebenso eine Rolle gespielt, mit seiner nach Ansicht einiger merkantilistischen Wirtschaftspolitik die Ungleichgewichte im Euroraum verstärkt und so die Krise mit verursacht. Wir müssen deshalb die Lohnentwicklung künftig auf europäischer Ebene genau beobachten und so dazu beitragen, dass sie innerhalb des Euroraums nicht wieder so stark wie zuletzt auseinanderläuft.“

Dazu schreibt die Welt:

„EU-Kommissar gibt Deutschen Schuld an Euro-Krise.“ Weiter: „Der ungarische EU-Sozialkommissar Laszlo Andor hat die jahrelange Lohnzurückhaltung in Deutschland gegeißelt. Durch konstant niedrige Löhne hätten die Deutschen die Euro-Krise mitbefeuert.“ Im Text: „Nach Ansicht von EU-Sozialkommissar Laszlo Andor sind die niedrigen Löhne in Deutschland ein Grund für die anhaltende Wirtschaftskrise in Europa.“

Was macht man dann aber mit einer Meldung der Website „Euractiv“, in der der Sozialkommissar Andor am 11. Mai 2012 die deutsche Bereitschaft begrüßt, seine niedrigen Löhne zu erhöhen.

Kurze Zwischenbilanz zu politischen Meldungen am Rande: Das gleiche Thema kann sachlich FAZ, dramatisiert (Zeitung Welt) oder genau konträr (EurActiv) dargestellt werden.

Der deutsche Grünen Abgeordnete Sven Giegold im Europarlament

Der Grünen Europa-Abgeordnete Sven Giegold, der sich freundlich nur kurz „Sven“ nennt, sagt in seinem Blog am 11. Oktober 2012 über das Land, aus dem er kommt: „Eurozonenkrise: Deutschland praktiziert Lohn-Askese und profitiert von schwachem Euro, Krisenländer strengen sich an“. Und weiter: „Vor diesem Hintergrund stellt auch die moderate Lohnstückkostensenkung Deutschlands im vergangenen Jahr eine beachtliche Hürde auf dem Weg zum Abbau der wirtschaftlichen Ungleichgewichte und Stabilisierung der Eurozone dar. Für die Lebensrealität der deutschen Bürger bedeutet diese dauerhafte und deutliche Lohnstückkostensenkung weniger Investitionen, sowie Gegenwind für faire Löhne und damit ein Verzicht auf nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Lebensqualität.“

Screenshot: Website Europaparlament

Iris E. sagt in einem Kommentar zwei Tage später auf seinem Blog (Tippfehler aus Blogbeitrag übernommen): „: Die Auswirkungen der Lohnkürzungen verhindert ,das eine wichtige Säule der inneren Finanzstabilität brökelt ,wenn die Binnenkonjunktur nicht gestärkt wird ….Ich frage mich wie Frau Merkel in ihrer Erwähnung diese im Einklang mit dem Fortbestehen des Niedriglohnsystem, eine veränderte Situation bezüglich der Entwicklung der Inlandskonjuntur erwarten kann.“

Später sagt M. Jessie am  14. Oktober 2012: „Aufgrund der Demoskopischen Entwicklung der Bevölkerung, wird Deutschland  eine massisves Problem in der Rentnerversorung -Armutsverantwortung tragen müssen. Es ist dringend Notwendig jetzt in der Politk hinreichend dafür zu sorgen,dass die Zahlungen für jeden Arbeitnehmer in die Rentenkasse erfolgt.  Es würde eine Bürger- Klassifizierung die Folge sein, die Rentner/innen in Bürgern der Armutsklasse mit der Unterversorgung und Bürgern der Optimalversorgung aufteilt. Ein unerträglicher Umstand innerhalb einer Demokratie. Ausgelöst durch Geringentlohnung.“ (Schreibfehler aus dem Original übertragen).

Französische Stimmen

Nehmen wir eine Google Anfrage im französischen ww.Google.fr mit den Begriffen wie „Augmenter les salaires en Allemagne“ (die Löhne in Deutschland anheben).

Screenshot: Google France

Und man stößt dann auf Meinungen wie diese im Le Figaro, der führenden französischen Tageszeitung, hier im den Leserkommentaren online:

Screenshot: Le Figaro Forum Deutschland soll seine niedrigen Löhne anheben.

Wir brechen hier ab, die These des deutschen Lohndumpings existiert. Faktencheck  ist angesagt.

Das deutsche Wirtschaftswachstum

Die relative Stärke der deutschen Wirtschaft in der aktuellen Krise ist zweifellos verblüffend. Die Wachstumsrate ist im positiven Bereich, die Arbeitslosigkeit deutlich niedriger als in vielen EU-Ländern, sogar niedriger als in den USA. Zunächst zum Wachstum:

Schaubild-Quelle: Deutsche Bundesbank Monatsbericht, Mai 2012, Seite 23

In andererer Darstellung:

Quelle: Deutsche Bundesbank Monatsbericht, Mai 2012, Seite 23

Das Wachstum des deutschen BIP ragt im Vergleich zur EU deutlich hervor. Das Wachstum als solches in seiner Rate, aber aber auch, weil die BIP-Größe Deutschlands auch absolut die größte in Europa ist.  Hierzu ein weiteres Schaubild:

Quelle: IWF-World Economic Outlook 2012,  http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2012/01/index.htm

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland

Einher geht die derzeitige (nichts ist für ewig) wirtschaftliche Stärke Deutschlands mit seiner offiziell gemessenen Arbeitslosenrate, auf die Interpretation dieses Konjunkturmerkmals wird später noch eingegangen. Die Arbeitslosigkeit im März diesen Jahres:

Quelle: Eurostat, monatliche Arbeitslosenberichte der EU-Länder Quelle: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-02052012-AP/DE/3-02052012-AP-DE.PDF

Der aktuelle Bericht der EU-Statistikbehörde Eurostat:

Eurostat Pressemitteilung: September 2012 – Arbeitslosenquote des Euroraums bei 11,6% – Quote der EU27 bei 10,6% Quelle: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-31102012-BP/DE/3-31102012-BP-DE.PDF

Deutschland ist von Platz 4 auf Platz 3 vorgerückt, also um einen Platz sogar noch verbessert.

Zwei Komponenten: Wachstum/Wirtschaft und Lohn.

Unsere heutige Frage besteht aus zwei Komponenten, dem hohen Wachstum und dem Lohnniveau. Nun zur anderen Seite unserer Frage: Hat sich Deutschland sein Wachstum mit tiefen Löhnen erkauft?

Die Lohnseite aus der Statistik Antwort:

Die Löhne Deutschlands liegen im Spitzenfeld der Löhne in der EU. Hierzu eine Grafik, die auf  den letztverfügbaren Daten der Eurostat basiert:

Schaubild Euro-Bruttojahresverdienst in 2010 in EU-Länder-Auswahl Quelle: Eurostat interaktive Datenbank

Antwort: Die Löhne Deutschlands liegen an der Spitze der Löhne in der EU. Betrachten wir nun die Entwicklung in den letzten Jahren bis heute.

Lohndumping im Norden oder Lohnexzess im Süden?

Sehr banal, aber wahr: Hat man zwei unterschiedliche Werte, einen großen Wert A und einen kleineren B, dann kann es heißen: A ist größer B oder B ist kleiner A. Ähnlich: Der Optimist sagt, das Glas ist halb leer, der Pessimist: Das Glas ist halb voll. Überall da, wo zwei Größen im Spiel sind, können sich auch zwei Größen verändern. Nicht nur eine. Trivial, aber immer wieder ausgeblendet. Nobelpreise werden verliehen, um Irrationalitäten aufzuklären. Die meisten Menschen runden 159,9  nicht auf 160 auf. Die Preise nicht nur der Tankstellen, sondern alle Preise in Prospekten oder online beweisen es immer wieder.

Also, in unserem Fall sagt eine Seite: Deutschland betreibt Lohndumping, die andere, die Experten: Die Konkurrenzlöhne sind exzessiv gestiegen.

Diese konträre Ansicht über ein und dasselbe Phänomen spiegelt sich im Schaubild der Lohnentwicklung in der EU bis 2009 wider:

Schaubild-Quelle: Hans-Böckler-Stiftung:  Graph Reallöhne.png, via Nachdenkseiten, Via: http://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/121022_entwicklung_realloehne.png;

Zu den verwendeten Länderabkürzungen siehe das o.a. Schaubild über die aktuelle Arbeitslosenquote in den einzelnen EU-Ländern.

Deutschland war Letzter bei den Löhnen – mit einem realen Minus! Die Griechen lagen deutlich vor uns. Lohndumping Deutschland oder Lohnexzess Südländer? Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich. Dies gilt auch für Statistiken und ihre politische Verwendung. Das Gegenargument sei hier gern genannt: Nachträglich ist jeder klüger.

Das Wachstum der Löhne seit 2009

Sind die deutschen Löhne in der Krise gesunken?  Zu diesem Punkt gab es eine interessante Anfrage der Fraktion „Die Linke“ und eine sehr aufschlussreiche Antwort der Bundesregierung. Eine simple Grafik (der Linken) zum Vergleich Deutschland zu EU und ausgewählte Länder zeigt, dass in den letzten Jahren die Löhne in Deutschland im Schnitt der gesamten EU27 leicht gestiegen sind, sehr schwach zwar, aber nicht mehr und nicht weniger.

Schaubild: Veränderung der Löhne in ausgewählten Ländern EU27

Quelle: Fraktion Die Linke: Europäische Beschäftigte bezahlen für die Krise, Online Unter: http://www.linksfraktion.de/nachrichten/europaeische-beschaeftigte-bezahlen-krise/

Wettbewerbsfähigkeit Deutschland

Die Folge dieser Entwicklung kann, wer will, direkt auf der Eurostat Seite ablesen. Die Werte werden nachfolgend in eine Grafik übersetzt.

Schaubild: Die Veränderung der realen Lohnstückkosten in den Euro-Ländern seit 1998

Quelle: interaktiv: Eurostat: Harmonised competitiveness indicators based on unit labour costs indices for the total economy 2012 Q2

http://www.ecb.europa.eu/stats/exchange/hci/html/hci_ulct_2012-04.en.html

Nachstehend die tabellarischen Werte aus der gleichen Eurostat-Quelle:

Quelle: wie vorangehendes Schaubild

Exkurs: Lohnstatistik

Hier ist auch ein methodischer Kritikpunkt zu allen Vergleichen. Für den Arbeitnehmer spielen auch eine erhebliche Rolle: Die Nebenleistungen, die betrieblichen Förderprogramme, das Betriebsklima, das Engagement seiner Vorgesetzten, seines Chefs, des Firmeninhabers, die Stabilität des Arbeitsplatzes in der Krise, also materielle, aber auch immaterielle Werte. Die Statistiken enthalten diese Dinge nicht.

Exkurs: Lohnseite in der Praxis

Jeder weiß aus der individuellen Praxis der Berufswahl jedoch, dass zur Beurteilung der sogenannten Entlohnung ein ganzes Spektrum von verschiedenen Komponenten quantitativer und qualitativer Art hinzukommen. Wie sicher ist dieser Lohn: Allein schon hier erfolgt die Weichenstellung entweder Staat oder Privatwirtschaft. Wie sicher ist mein Arbeitsplatz in der Privatwirtschaft? Ist die Arbeit körperlich anstrengend oder nicht? Welche Zusatzleistungen bietet der Arbeitgeber? Vom Kantinenessen bis zur zusaätzlichen Altersversorgung. Welche Aufstiegsmöglichkeiten? Welche Förderung der Weiterbildung? Moderner Arbeitsplatz oder nicht? Flache Hierarchie oder Arbeitsplatz gemäß der alten Arbeitswelt, die Soziologen die Fordwelt nennen? Man/frau google nur einmal „Gehalt“ und stoße auf eine Seite wie diese von Focus-Money:

http://www.focus.de/finanzen/karriere/berufsleben/gehalt/tid-7599/gehalt_aid_135129.html

Da wird das Thema sozusagen wie ein Mosaik von Leistungen auseinandergefächert. Dabei ist diese Liste nicht einmal vollständig. Wie steht es mit der Wohnungssituation? Man könnte diese Liste fortsetzen und die gesamte Lebenssituation des modernen Menschen bis in alle Details abklopfen.

Exkurs: Lohnstatistiken

Ein weiterer bedeutender Punkt: Löhne können netto, brutto, real nominal, Tarif- oder Nicht-Tariflöhne sein – oder eine x-beliebige Kombination. Vorsicht bei allen Vergleichen. Wenn Netto-Real-Löhne nicht steigen, wird vielleicht ein höherer Bruttolohn durch Inflation, Steuern und Abgaben auf einen niedrigeren Netto-Real-Lohn vermindert?

Lohnexzesse oder zumindest Ungleichgewicht der Lohnsteigerungen?

Wir sind immer noch bei der Frage nach den Gründen zur Verbesserung der Wettbewerbssituation der deutschen Industrie und setzen uns weiter mit dem Argument des Lohndumpings auseinander. Zur Frage, wie sich die relative Lohnsituation in wichtigen Konvergenz- und Nicht-Konvergenzländern (Länderunterscheidung gemäß EU) entwickelt hat, nachfolgend ein kurzer Blick auf eine Studie der Cambridge Economics Abteilung (zitiert als: EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011), die dieses Thema im Auftrag der EU-Kommission untersucht hat. Zuerst Deutschland im Vergleich zu seinen gleichgewichtigen Partnern:

Schaubild: Veränderung der Lohnstückkosten Mitte Europa

Quelle: EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011)

Eine Bewegung nach oben für den gesamten EU-Raum – und besonders stark in Frankreich. Dann weiter zu den leider etwas abfällig genannten PIGS (Portuga, Italien, Griechenland, Spanien):

  Schaubild: Veränderung der Lohnstückkosten im Süden

Quelle: EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011)

Es wiederholt sich eigentlich das gleiche Bild. Der Süden hat seinen Wettbewerbsvorteil hinsichtlich seiner Löhne aufgegeben und hat rasch zum EU-Durchschnitt aufgeholt. Dramatisch: Der Süden setzt diese Bewegung sogar über dem EU-Durchschnitt fort! Diese Daten reichen allerdings nur bis zum Jahr 2008.

Wettbewerbsverhältnisse nach dem Konzept der Real Effective Exchange Rates

Das Konzept der Real Effective Exchange Rates (REER) misst den realen (preisbereinigten), effektiven (um die Lohnstückkosten korrigierten Handelspartner gewichteten) Wechselkurs. Nach dem Konzept der REER  ist gemäß der oben zitierten Studie Deutschlands Position gleichbleibend bis günstiger. Länder mit hohen Anstiegen ihrer Lohnstückkosten sehen dagegen ihre preisliche Wettbewerbsposition schwächeln. Zunächst die näheren Handelspartner Deutschlands (steigende Kurve Verschlechterung, fallende Kurve Verbesserung):

Schaubild: Veränderung der REER im Norden Quelle: EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011)

Die „Südstaaten“ haben sich letztlich gemischt entwickelt, mit Verschlechterungen in den letzten Jahren und einem auffälligen Ausreißer Griechenlands (im folgenden Schaubild):

Schaubild: Veränderung der REER im Süden

Quelle: EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011)

Lohnhöhe und Produktivität: Eine Reise durch Deutschland.

Ein kleines Gedankenspiel: Angenommen wir reisen quer durch Deutschland und stellen uns für die Regionen, die wir jeweils bereisen, die Frage nach dem Zusammenhang von Lohnhöhe und Exportvolumen. Da machen wir die interessante Entdeckung: Im Süden Deutschlands finden wir die fleißigsten Exportfirmen und laut diversen Statistiken die höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Haushalte, das höchste Steueraufkommen, die niedrigsten Arbeitslosenraten, die wenigsten Hartz IV-Empfänger. Die Löhne sind höher als im Durchschnitt und die Exporte sind auch höher. Also, genau das Gegenteil der These, dass Deutschland zum Niedriglohnland geworden ist. Wie ist das möglich?

Wir wissen, dass Löhne am Arbeitsmarkt, in Tarifverhandlungen und in individuellen Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer festgelegt werden. Das ist die institutionelle Seite der Lohnfindung. Sie sagt nichts über die Lohnhöhe aus. Bis auf einen Vorgang, den wir später besprechen werden.

Die erste Erklärung setzt an der Produktivität an. Ökonomisch gesehen ist der Lohn das Pendant zur Produktivität, die Lohnhöhe hängt an der Produktivität, hier kommen also alle Faktoren wie Bildung, Qualifikation, Zuverlässigkeit etc. zum Tragen. Ein höherer Lohn entspricht einer höheren Produktivität. Und jeder kann sich ausrechnen, was dies für eine Zahl wie die Exporte aussagt. Es besteht eher eine Tendenz, kein Hebel! zu höheren Exporten, da wo die Löhne hoch sind. Das ist der ökonomische Vorgang. Und es ist vollkommen klar, dass jeder Arbeitgeber oder Unternehmer nur das Interesse haben kann, die Leistung korrekt zu entlohnen. Im Lohn selbst und in den Zusatzleistungen.

Was nicht heißt, dass Arbeitnehmer sich nicht  organisieren können. Denn nicht alle Arbeitgeber würden diese ökonomische Gesetzmäßigkeit auf Dauer honorieren.

Deutschland: Hohe Löhne und Exportwachstum!

Nicht umsonst taucht dieser Gedanke auf in den Bemerkungen der Studie von Economics Cambridge zu folgendem Graph (rote Markierung in unserem Aufsatz nachträglich eingefügt). Der Graph zeigt, dass verschiedene deutsche Wirtschaftszweige mit steigenden Exportvolumina rein rechnerisch gemessen an den realen Kostenverhältnissen an sich eine verschlechterte Wettbewerbsposition aufweisen! Die rote Linie zeigt in den Jahren eher aufwärts.

Schaubild: Höhere Lohnkosten und höherer Export!

Zitat: „Trends in these sectors are generally quite similar to the manufacturing average for Germany. The sectors which have seen a particular deterioration in ULC competitiveness are electrical machinery, motor vehicles and instruments. All of these have, nevertheless, seen an improvement in their trade balance, suggesting that the measured deterioration actually reflects a move towards quality which is not captured in the volume measure of GVA.“  (ULC für Unit Labour Costs, GVA für Gross Value Added, Konzept der Wertschöpfung, EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011, Seite 36 ).

Löhne und Wertschöpfung

Anders gesprochen, Löhne sind nicht der einzige Faktor (ökonomisch eine sogenannte Determinante) im Wettbewerb, Deutschland kann sowieso nicht mehr mit Niedriglohn-Produkten konkurrieren. Auf früheren Veranstaltungen der VHS Ratingen wurde doch der praktische Fall erwähnt, dass deutsche Automobilproduzenten allein durch bessere Refinanzierung am Kapitalmarkt ihren Kunden/Interessenten in Inland und Export attraktivere Konditionen für ein Autodarlehen machen können. Zins als Determinante des Exports.

Zurück zur Studie und Bemerkung der Cambridge Exonomics, dass Deutschland für seine „teuren“ Branchen hohe Exportraten aufweist.  Das stimmt mit unserer eingangs statistisch ausgeführten Tatsache überein, dass Deutschland im Spitzenfeld der Löhne steht. Es gibt trotzdem nicht nur ein Problem. Wir gehen sie/es von der Seite des sogenannten Wertschöpfungskonzepts aus an, um von der Produktionsrechnung zur volkswirtschaftlichen Verteilung zu gelangen. Und vielleicht weiter.

Die erste Frage lautet: Steigen die Löhne in Deutschland so schnell wie die wirtschaftliche Leistung, das heißt, was der Betrieb verdient? Wenn es der Wirtschaft gut geht, wer bekommt welchen Anteil? Bleiben wir bei der Wertschöpfung. Und beantworten sie zunächst mit einer Statistik der EU, die die Gewinnquoten der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften (also sozusagen die Großen am Markt) in den einzelnen Ländern des Euroraums zum Gegenstand hat. Aus ihr können wir Ländervergleiche ablesen, aber auch die Veränderung der Größe selbst.

Schaubild: Gewinnquoten der nichtfinanziellen Unternehmen im Euroraum 2000-2011 Quelle: Eurostat (siehe u.a. Quellenverzeichnis)

Ergebnis: Erstens: Die deutschen Kapitalgesellschaften weisen eine höhere Gewinnquote als im Durchschnitt der Eurozone auf. Zweitens: Die Gewinnquote steigt mit Schwankungen. Drittens: Sie hat ihr Vorkrisenniveau bisher nicht wieder erreicht.

Interpretation der steigenden Gewinnquote im internationalen Vergleich

Die steigende und zugleich über dem Euroraum liegende Gewinnquote in Deutschland und die überdurchschnittlich hohen Löhne in Deutschland lassen sich in folgender Symbolgrafik vereinen:

Schaubild: Deutschland im Vergleich Produktivität und Löhne

Eine Interpretation wäre: Die Arbeitnehmerseite akzeptiert den Zustand, weil er ihr monetäre, reale Euro-Vorteile gegenüber den Arbeitnehmern in den anderen Ländern verschafft. Man denke an die 10.000 Euro Sonderzahlung von VW an seine Beschäftigten. Entspricht mehreren Jahren Gehalt in Ostländern der EU.

Kritik der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften verweisen dagegen auf die wachsende Schere und weiten diese Frage auf die volkswirtschaftliche Verteilung insgesamt aus:

Im Schaubild oben werden jetzt auf volkswirtschaftlicher Ebene alle Einkommen betrachtet. Es entsteht allerdings gerade in einer globalen Welt aus dieser Perspektive ein Zurechnungsproblem bei der Einbeziehung aller nationalen und international erzeugten Gewinn- und Vermögenseinkommen im Vergleich zum national verdienten Arbeitnehmerentgelt. Wie wird der Ertrag aus ausländischem Aktienbesitz, zum Beispiel an chinesischen Aktien, in einer Konzeption der gerechten Verteilung zwischen Lohn und Gewinn hier in Deutschland behandelt? Muß nicht der chinesische Arbeiter(in) beteiligt werden. Ein anderes Problem scheint derzeit dringender.

Durchschnitt und Medianwert

Ein gravierender Unterschied bei quantitativen Aussagen auf unserem Gebiet ist der Unterschied zwischen Durchschnitt und Medianwert. Der Durchschnittswert, der Durchschnittslohn in Euro, er macht alle Menschen gleich, was diese nicht sind. Der Medianwert der Statistik ist da fairer. Er teilt hinsichtlich der Einkommen die Bevölkerung in zwei Hälften auf und fragt, wie gut geht es dem unteren Teil der Bevölkerung, wie gut dem oberen Teil der Bevölkerung. Er sagt, welche Hälfte darüber, welche Hälfte darunter liegt.

Dieser Unterschied wird in den beiden folgenden Grafiken abstrakt verdeutlicht.Sie zeigen zwei denkbare Fälle der Einkommensverteilung: Grafik Eins der gleichmäßig steigenden Einkommensverteilung von Null bis zu einem Spitzenwert und in Grafik Zwei den Fall der ungleichmäßigen Einkommensverteilung.

Schaubild: Gleichmäßiger Anstieg der Einkommen über alle Bevölkerungsgruppen

Schaubild; Ungleichmäßige Verteilung der Einkommen, Vermögen etc.

Seitdem es Menschen gibt, regiert die zweite Grafik. Literarisch verarbeitet in Animal Farm von George Orwell, praktisch realisiert in allen politischen Regimen.

Nicht dargestellt ist der utopische Fall, dass alle Einkommen gleich sind. Da verschwinden die Kategorien Durchschnittseinkommen und Medianeinkommen. Was heißt Durchschnitt, wenn alle das gleiche verdienen? Untere und obere Hälfte gibt es nicht mehr, also auch kein Medianeinkommen mehr.

Median im internationalen Vergleich

Die Zunahme des Niedriglohnbereichs und der atypischen Beschäftigungsverhältnisse in Teilzeit, Minijobs und Zweit- bis Drittjobs bis hin zur illegalen Beschäftigung ist das erste Negativbild, das wir unserer obigen „positiven“ Darstellung über den ökonomischen und sozialen Vergleich Deutschlands mit seinen Nachbarn entgegenstellen.

Schaubild: Niedriglohnbereich in Deutschland im internationalen Vergleich Euro-Zone

Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 17/9660, 17. Wahlperiode 16. 05. 2012

Die Statistik ist sicherlich  älteren Datums, neuere mit ausführlichen internationalen Vergleichen gibt es zumindest auf offizieller Seite nicht. Da wie oben abgeleitet die Beschäftigungssituation in Deutschland sich deutlich besser entwickelt als in den meisten Nachbarländern ist anzunehmen, dass einige Länder hinter Deutschland in bezug auf den Anteil Niedriglohn an der gesamten Beschäftigung zurückfallen. Dennoch heißt es im Spiegel 37/10.09.12: „In der Vorsorgefalle“ auf Seite 82: „Zahlen für den neuen Alterssicherungsbericht der Bundesregierung, der im November erscheint, weisen aus, dass von den rund 25 Millionen sozialversicherten Beschäftigten in der Bundesrepublik im Alter zwischen 25 und 65 Jahren gut 4,2 Millionen einen Bruttolohn von weniger als 1500 Euro haben.“ Die Altersarmut ist vorprogrammiert: Ein Bruttoverdienst von 1800 Euro ergibt nach 40 Jahren Beitrag in die Rentenkasse weniger als 590 Euro Rente. Der Gang zum Sozialamt ist ebenfalls sicher. Was dieses zahlen wird, ist unklar, so die gleiche Quelle.

Selbst unter diesen Einschränkungen muss man die Frage stellen: Kann das das Ergebnis der Sozialen Marktwirtschaft, eines sozialen Rechtsstaates für die letzten fünfzig Jahre sein? Von der Wohlstandsgesellschaft zur Entdeckung des „Prekariats“ am Anfang dieses Jahrzehnts und schließlich zum Armutsbericht der Bundesregierung. „Es gibt wohl kaum ein Land in Europa, in dem wirtschaftliche Entwicklung des Bruttosozialproduktes und die Entwicklung der Einkommensverteilung so weit auseinandergehen wie in Deutschland.“ Dieses Eigenzitat ist es nicht gerechtfertigt? (https://oecafe.wordpress.com/tag/soziale-gerechtigkeit/).

Deutschland und Gini-Kriterium

So zeichnen die von der OECD ermittelten Veränderungen des sogenannten Gini-Koeffizienten, der das Einkommensgefälle eines Landes in einer statistisch anerkannten Methode erfasst, das Bild eines im internationalen Vergleich überdurchschnittlich zunehmenden Ungleichgewichts der Verteilung in Deutschland.

Schaubild: Gini-Veränderung oder Zunahme Einkommensgefälle in % (OECD 2011 Divided We Stand)

Quelle Via: Ökonomisches Café: Deutschland: Wirtschaftsriese und Gini: OECD Divided, We Stand. Teil 2.

Das unterste Zehntel profitiert jahrzehntelang nicht vom Wirtschaftswachstum (folgender Graph):

Jährliches reales Einkommensplus Haushalte unterstes Zehntel (OECD 2011 Divided We Stand)

Quelle Via: Ökonomisches Cafe: Deutschland: Wirtschaftsriese mit Zwergverteilung: Extrakt aus OECD. Teil 1.

Könnte man es als „positiv/gerecht“ interpretieren, dass auch das obere Zehntel unterdurschnittliche Einkommenszuwächse aufzeichnet?

Schaubild: Jährliches reales Einkommensplus Top Haushalte (OECD zur Verteilung, Divided We Stand.)

Quelle Via: Ökonomisches Cafe: Deutschland: Wirtschaftsriese mit Zwergverteilung: Extrakt aus OECD. Teil 1.

So bleibt denn auch das jährliche Einkommensplus aus Markteinkommen (verdientes Einkommen) im Jahrzehnte-Vergleich seit Mitte der 1980er Jahre unter dem internationalen Durchschnitt! Folgende Grafik veranschaulicht dies:

Schaubild: Jährliches reales Einkommensplus aller Haushalte mit Markteinkommen, OECD Divide We Stand

Quelle Via: Ökonomisches Cafe: Deutschland: Wirtschaftsriese mit Zwergverteilung: Extrakt aus OECD. Teil 1.

Faktum und Ideologie

Man kann daher nur wiederholen: „Es gibt wohl kaum ein Land in Europa, in dem wirtschaftliche Entwicklung des Bruttosozialproduktes und die Entwicklung der Einkommensverteilung so weit auseinandergehen wie in Deutschland.  … Das eigentliche Problem ist eine tiefgehende Fehlsteuerung der Verteilung des Zuwachses an wirtschaftlichem Wohlstand durch ökonomische, gesellschaftliche und politische Strukturen. Das deutsche Gesamt-Modell funktioniert ökonomisch vorteilhaft für die Unternehmen, die am Weltmarkt operieren. Das Modell hat aber unübersehbare Schwächen in Bezug auf die Verteilungskette Unternehmensgewinne, Staatsgewinne (Steuereinnahmen) und Gewinne der Haushalte, die von einem Einkommen aus Arbeit oder Kapital leben. Die übliche Systemkritik am Neoliberalismus versagt u.E., da dieses Erklärungsmuster für alle betrachteten OECD-Länder gelten würde und damit nicht die relativ schlechtere Position Deutschlands und insbesondere die genannte Diskrepanz – wirtschaftlich oben; aber verteilungsmäßig unten – im Verhältnis zu den anderen Ländern erklären kann.“ (Aus „Oekonomisches Café, Wirtschaftsriese).

Modell Deutschland?

Um das Thema Lohndumping in seiner ganzen Tragweite zu erfassen, ist ein Blick auf das neu entdeckte „Modell Deutschland“ und darüber nützlich. Und auch zu überlegen, was diese neue Diskussion „Modell Deutschland“ überhaupt bedeutet. Deutschland definierte sich bisher gerne in den ökonomischen Kategorien Exportweltmeister und Soziale Marktwirtschaft. Beide Kategorien sind offenbar und offensichtlich überholt und international auch eher unbedeutend. „Exportweltmeister“ ist politisch fast nicht mehr korrekt, weil es Ungleichgewicht und Ausbeutung bedeutet. „Soziale Marktwirtschaft“ ist eine Formel, die mehr verspricht als sie hergibt. Wir sagten schon: Fünfzig Prozent der Deutschen haben keinen Cent Vermögen und werden in die Altersarmut rutschen, zehn Millionen arbeiten heute in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, vier Millionen mehr als 1996. Daten einer wirtschaftlichen Führungsmacht, überzeugende und glaubhafte Daten eines neu entdeckten sogenannten „Modell Deutschland“?

Wohl kaum.

Was diese Zahlen bedeuten – hier ein Blick auf heutige und Zukunftsprobleme. Fünfzig Prozent der Deutschen haben keinen Cent Vermögen und werden in die Altersarmut rutschen, zehn Millionen arbeiten heute in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, vier Millioen mehr als 1996. Zitieren wir doch mal Deutschlands Polit-Magazin Nummer Eins:

Schaubild: Geburtenrate Deutschland innnerhalb Europas

Wie soll ein Altersversorgungssystem wie das der deutschen Rente funktionieren, wenn auch folgendes heute gilt:

Schaubild: Geburtenrate Deutschland im EU-Vergleich

Wo sind die künftigen Beitragszahler?

Exkurs: Faktum und Politik

Ein anderer Ansatz zur unserer Frage Lohndumping Ja oder Nein, Ungleichheit der Verteilung besteht in dem Verweis darauf, dies sei eine politische Frage: DIW-Chef Gert C. Wagner sagt gerade zu unserem Thema: „Nun gilt, dass alle verfügbaren Statistiken zeigen, dass seit der Jahrtausendwende bis 2005 die personelle Ungleichheit der Einkommen in Deutschland gestiegen ist. Auch die Armutsgefährdung stieg. Die Veränderungen seit 2005 sind aber so gering, dass man nicht sicher sagen kann, ob Ungleichheit und Armutsgefährdung wachsen oder sinken. Alle verfügbaren Informationen lassen nur die Aussage zu, dass die Einkommensungleichheit von 2005 bis 2010 recht stabil ist, und Ungleichheit und Armutsgefährdung in Deutschland etwas höher sind als zur Jahrtausendwende. Und wie auch immer man misst: Im OECD-Vergleich liegt Deutschland hinsichtlich der Einkommensungleichheit im Mittelfeld. Über den empirischen Befund kann man trefflich politisch streiten. Man kann mit guten Gründen sowohl für mehr als auch für weniger Ungleichheit gute Argumente anführen. Insbesondere die Einkommenssituation von Alleinerziehenden ist gemessen an den Zielen aller Parteien bedenklich.Aber letztlich ist es eine rein politische Frage, über die an den Wahlurnen entschieden werden wird, ob man die Ungleichheit der Einkommen für gerade richtig, zu hoch oder zu niedrig hält.“ Aber was ist dann eine politische Frage?

Exkurs: Frage und politische Frage

Es gibt eine beliebte Methode, um Fragen nicht zu beantworten oder anders zu beantworten, als es der Frage eigentlich entspricht. Sie lautet in etwa: „Ihre Frage ist falsch gestellt. Oder: Man müßte vielmehr fragen, ob….“ Unsere Frage „Betreibt Deutschland Lohndumping ja oder nein“ kann eigentlich nur vor dem Hintergrund gestellt werden, dass ein Grundmuster einzelner Nationen in Europa besteht, diese im Wettbewerb stehen und von denen eine, das ist Deutschland, eben Dumping betreibt und diese Nationen doch viel besser in einem ökonomischen Gleichschritt aller Länder sich entwickeln sollten. Niemand (fast) in Deutschland sieht ein Ungleichgewicht an Löhnen oder im Warenverkehr zwischen den einzelnen Bundesländern als ein Problem an, das über einen Eingriff in Löhne oder Warenverkehr geregelt werden sollte. Die Politik würde zu anderen Instrumenten greifen. Unser Problem Lohndumping verschwindet in einem Vereinten Europa. Was ist nun die politische Frage? In die Löhne eingreifen oder in die Strukturen, die nationale Gebilde in und um sich herum schaffen und die Ungleichgewichte erzeugen? Vereinfacht gesprochen: Wenn etwas eine politische Frage ist, müßte man sich erst fragen: „Welche Frage wollen wir denn stellen? Welchen Zustand wollen wir zur Disposition stellen?“

Angleichung der Löhne an die Produktivität

Hinter der „harten“ These des Lohndumpings steckt in „weicher“ Form letztlich die Sorge vor immer stärkeren Ungleichgewichten in der Eurozone. Eine interessante Stimme hierzu als Beispiel:

McKinsey Chef Mattern im Spiegel Quelle: Spiegel online 22.09.2012

Zitat: “ Viel wichtiger ist, dass die Ungleichgewichte innerhalb Europas abgebaut werden.“ Und weiter: „Eine Angleichung der realwirtschaftlichen Bedingungen ist dringend erforderlich, wenn der Euro als Gemeinschaftswährung eine Zukunft haben soll. Derzeit sind die Lohnkosten in Deutschland zwar höher als in Südeuropa. Die deutsche Industrie macht den Rückstand aber durch eine deutlich höhere Produktivität wett. Da bleibt auch Raum für höhere Lohnabschlüsse.“ (Quellenverzeichnis).

Bekanntes Ungleichgewicht

Eine erste Form der Ungleichgewichte ist uns bereits früher begegnet. Sie besteht in den massiv auftretenden Zinsdivergenzen für Staatsanleihen. Das allseits bekannte „Prinzipbild“ zur Erinnerung:

Schaubild: Zinsdivergenzen für ausgewählte Länder der Eurozone Quelle  EZB, Ökonomisches Cafe.

Sind die Ungleichgewichte letztlich nur die Rückkehr alter Verhältnisse?

Schaubild: Zinskonvergenz, Zinsgleichlauf, Zinsdivergenz (oder „Rückvergenz“?)

Kann es trotz der klugen Bemerkungen seitens McKinsey sein, dass Ungleichgewicht eigentlich Divergenz heißt? Und Divergenz  Rückvergenz? Negative Konvergenz? So wie Rückgang auch negatives Wachstum genannt wird? Was ist der Unterschied zwischen Ungleichgewicht und Divergenz?

Produktivitätsrunden?

Aber was würde passieren, wenn es den anderen Ländern gelingt den Wettbewerbsvorsprung von Deutschland einzuholen? Würde eine neue Wettbewerbsrunde ablaufen, weil Deutschland seinen Vorsprung wiederherstellen wollte?

Schaubild: Nationale Produktivitätsrunden

Diese Möglichkeit steht auch hinter der Frage des Spiegels in dem bereits zitierten Interview: „Steht uns womöglich wieder eine Diskussion ins Haus, die sich um neue Reformen in Deutschland dreht, um den alten Abstand in Sachen Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen?“ Denn in der Realität ist es doch so, dass die Unternehmen in Deutschland den verstärkten Wettbewerb spüren würden, reagieren – und keineswegs auf unsere makroökonomischen Kurven schauen würden.

Mikro- und Makro

Wir stoßen damit auf einen politisch und wirtschaftspolitischen relevanten, aber immer wieder ignorierten Zusammenhang, der zugleich eine Trennung bedeutet. Den Unterschied zwischen Mikroökonomie auf Betriebs- und Konsumentenebene und Makroökonomie auf Ebene Volks- und Weltwirtschaft. Durch diese Trennung Makro-Mikro gibt es daher keinen festen Hebel zwischen vielen Elementen, die wir sprachlich zwar miteinander verbinden können, aber de facto unabhängig von einander sind. Wir können daher Sätze bilden, von denen wir leider nicht immer wissen, ob sie kausal zusammenhängen.

Probleme

Aus der Trennung Mikro und Makro in der Ökonomie ergeben sich sehr bedeutende Probleme: Lohnanhebung, um den Konsum zu steigern? Sparen die Konsumenten vielleicht mehr? Lohnanhebung vielleicht nur da wo gut verdient wird und die Lohnanhebung verkraftet werden kann? Folge wäre eine Erhöhung der Ungleichgewichte in der Verteilung? Oder eine Einführung von Mindestlohn. Wäre die Folge eine Erhöhung der illegalen Beschäftigung?

Danke

Noch ein Hinweis. Solche Fragen werden völlig locker und absolut frei in Ökonomischen Café jeden zweiten Montag in Monat im Café Feit in Ratingen im Kreis der Ökos diskutiert. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Dr. Johannes Wierer)

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Haupt-Quellen (Auszug) (Teils interaktiv und mehrfach genutzt)

Andor, László: „EU-Kommissar László Andor  – Deutschland hat die Krise mit verursacht“, download, online unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/eu-kommissar-laszlo-andor-deutschland-hat-die-krise-mit-verursacht-11897426.html

Deutscher Bundestag: Deutscher Bundestag Drucksache 17/9660, 17. Wahlperiode 16. 05. 2012 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sabine Zimmermann, Jutta Krellmann, Diana Golze, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 17/9356 –  Entwicklung des europäischen Arbeitsmarktes seit Ausbruch der Finanzkrise 2007, online unter: http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP17/441/44146.html sowie http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/096/1709660.pdf

EU Studien EU Study on the cost competitiveness of European industry in the globalisation era – empirical evidence on the basis of relative unit labour costs (ULC) at sectoral level, Final Report, Framework Contract Sector Competitiveness (ENTR06/054), Framework Contract Consortium Leader: ECORYS Nederland BV, Study Lead Partner: Cambridge Econometrics, Richard Lewney – Team Leader, Cambridge, 28 September 2011, download unter: http://ec.europa.eu/enterprise/newsroom/cf/itemdetail.cfm?item_id=5628&tpa=0&tk=&lang=de, http://ec.europa.eu/enterprise/newsroom/cf/_getdocument.cfm?doc_id=7060 ; (als download pdf): (zitiert als: EU Study on the cost competitiveness. Cambridge Economics. 2011)

Europa Partner Plattform http://circa.europa.eu/ U.a. Darstellung des ESA95-Systems http://circa.europa.eu/irc/dsis/nfaccount/info/data/esa95/en/esa95en.htm

Eurostat Datenbank http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/statistics/search_database

Eurostat Gewinnquoten http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&plugin=1&language=de&pcode=tec00100

Eurostat Jahrbuch http://www.eds-destatis.de/downloads/publ/KS-CD-11-001-EN-N.pdf

Eurostat Europäische Sektorkonten http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/sector_accounts/introduction/

Eurostat Screenshot 2012-11-04) Suche Arbeitslosenquote Online URL: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/product_results/search_results?mo=containsall&ms=Arbeitslosenquote&saa=&p_action=SUBMIT&l=d&co=equal&ci=,&po=equal&pi=,

Eurostat: Harmonised competitiveness indicators based on unit labour costs indices for the total economy 2012 Q2 http://www.ecb.europa.eu/stats/exchange/hci/html/hci_ulct_2012-04.en.html (zur Statistik der realen Wettbewerbsfähigkeit)

Eurostat: März 2012: Arbeitslosenquote des Euroraums bei 10,9%, Quote der EU27 bei 10,2% http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-02052012-AP/DE/3-02052012-AP-DE.PDF

Eurostat: September 2012 – Arbeitslosenquote des Euroraums bei 11,6% – Quote der EU27 bei 10,6% http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-31102012-BP/DE/3-31102012-BP-DE.PDF

Fraktion Die Linke: Europäische Beschäftigte bezahlen für die Krise, Online Unter: http://www.linksfraktion.de/nachrichten/europaeische-beschaeftigte-bezahlen-krise/

Hans Böckler Stiftung (o.V.): Kapitaleinkommen wachsen weiter, Tarife bremsen reale Lohnverluste, in: Impulse 2012 – 05; online: http://www.boeckler.de/39202_39217.htm

Hans-Böckler-Stiftung:  Graph Reallöhne.png, via Nachdenkseiten, http://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/121022_entwicklung_realloehne.png;

Giegold, Sven: Eurozonenkrise: Deutschland praktiziert Lohn-Askese und profitiert von schwachem Euro, Krisenländer strengen sich an; online unter:  http://www.sven-giegold.de/2012/eurozonenkrise-deutschland-praktiziert-lohn-askese-und-profitiert-von-schwachem-euro-krisenlander-strengen-sich-an/

Internationaler Währungsfonds Datenbank WEO IMF World Economic Outlook (WEO)  April 2012 — Table of Contents http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2012/01/index.htm

OECD; Society: Governments must tackle record gap between rich and poor, says OECD http://www.oecd.org/document/40/0,3746,en_21571361_44315115_49166760_1_1_1_1,00.html

OECD: Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising http://www.oecd.org/els/socialpoliciesanddata/dividedwestandwhyinequalitykeepsrising.htm http://www.oecd.org/els/socialpoliciesanddata/49170768.pdf

OECD: Income Distribution and Poverty http://www.oecd.org/els/socialpoliciesanddata/incomedistributionandpoverty.htm

Ökonomisches Café https://oecafe.wordpress.com/ https://oecafe.wordpress.com/tag/soziale-gerechtigkeit/

Ökonomisches Cafe: Deutschland: Wirtschaftsriese mit Zwergverteilung: Extrakt aus OECD. Teil 1. https://oecafe.wordpress.com/2011/12/05/deutschland-wirtschaftsriese-mit-zwergverteilung-extrakt-aus-oecd-teil1/ (zitiert als „Oekonomisches Café, Wirtschaftsriese).

Ökonomisches Café: Deutschland: Wirtschaftsriese und Gini: OECD Divided, We Stand. Teil 2. https://oecafe.wordpress.com/2011/12/07/deutschland-wirtschaftsriese-und-gini-oecd-divided-we-stand-teil-2/

Spiegel online: McKinsey-Chef Mattern, Top-Berater fordert höhere Löhne in Deutschland http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mckinsey-chef-mattern-fordert-staerkeren-lohnzuwachs-a-854391.html Spiegel online 22.09.2012

Statistisches Bundesamt: EDS Service des Statistischen Bundesamtes: http://www.eds-destatis.de/index.php

Wagner, Gert C. : Zur Aussagekraft von Einkommens- und Armutsrisiken in DIW Wochenbericht 43, 2012, Seite 32, http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.410481.de/12-43-4.pdf

Welt online: „EU-Kommissar gibt Deutschen Schuld an Euro-Krise.“ http://www.welt.de/politik/ausland/article109366808/EU-Kommissar-gibt-Deutschen-Schuld-an-Euro-Krise.html

Hinweis: Hinweis zu Zitaten/Fundorten aller Art im Internet/Web: Textmaterial wird überwiegend nach dem deutschen wissenschaftlichen Verfahren zitiert, also möglichst mit Hinweis auf das das Original. Bildmaterial, das aus Websites sich anderswo wiederfindet, wird entweder als „Via“ zitiert mit Hinweis über den aktuell gültigen Fundort. Beispiel: Original-Quelle, Original-Verfasser etc „via“ aktueller Fundort als URL-Adresse. Oder über den aktuellen Fundort und einen Zusatz wie „ztiert“, „pixzitier“ für verwendetes Bildmaterial, „linkzitiert“ für die Originalquelle, oder „datazitiert“ für automatisch geöffnete Datenbanken. Der Hinweis „online unter“ verweist auf die verfügbare Webquelle, download als PDF: Verweis auf das Ausgabeformat PDF.

Statistische Begriffe: „Die Gewinnquote der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften ist definiert als der Bruttobetriebsüberschuss (ESA95 code: B2G_B3G) dividiert durch die Bruttowertschöpfung (B1G). Es handelt sich hierbei um einen Profitabilitätsindikator, der anzeigt, welcher Anteil der im Produktionsprozess entstandenen Wirtschaftsleistung auf die Vergütung des Kapitals entfällt. Er ist das Gegenstück zum Anteil der Lohnkosten (plus Produktionsabgaben minus Subventionen) an der Wertschöpfung. Ausführliche Daten und Hinweise zur Methodik sind der Website http://ec.europa.eu/eurostat/sectoraccounts zu entnehmen.“ (Eurostat).

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