Transatlantische Preisschere bei Energie: Bahnt sich hier eine völlig andere Energiewende an?

Bevor wir die atlantische Preisschere betrachten, eine allgemeine Bemerkung über das gesamte Thema im politischen Kontext. Ziel und Gefahr politischer Vokabeln wie beispielsweise des deutschen und in dieser Form einmaligen Wortes „Energiewende“ ist die programmatische Focussierung auf eine bestimmte Perspektive, die scheinbar unerläßlich ist, um einem Thema eine gesellschaftlich und politisch relevante Stoßkraft zu verleihen. Das wiederum ist nur denkbar im Zusammenhang mit der Idee des aktiven Staates, der nicht über den Dingen, sondern in den Dingen steht. Ohne das Thema hier weiter zu vertiefen, kann man jedoch festhalten, dass allerortens Grundfragen berührt werden wie Thema Freiheit versus Einschränkung, Markt versus Staat, Praxis und Realität versus Idealismus, Planung versus Fehlplanung, Komplexität versus Vereinfachung und vieles Mehr. Aber auch Marketing: „Energiewende“ ist nichts anderes als „Efficient Dynamics“ von BMW, „das Auto“ von VW oder „Mission Finanzcheck“ der Sparkassen. Begriffe, die nicht konstant sind! Aber vergessen wir nicht germanische Mystik, weil wir „Wende“ gerne feiern (Sonnenwende, Jahreswende). Oder Befreiung. Das Problem ist, dass der Begriff an sich nichts aussagt und nur in der Praxis alles offen läßt. Daher holt die Realität den Begriff jetzt endgültig ein. Aktuell: Die „Entdeckung“ der niedrigen Erdgaspreise in den USA. Aber nicht nur das! In Wirklichkeit sind es drei Punkte.

Das erste Chart zeigt die Preisschere von Öl und Erdgas in den USA. Methodisches: Um diese Preisschere zu identifizieren, ist (a) als Startzeitpunkt für die Betrachtung der Preise beider Energieträger das dritte Quartal 2008 gewählt worden. Am 15. September 2008 ging die große Investmentbank Lehman Brothers in Konkurs. Es wird angenommen, dass ab Ende des Monats Septembers 2008 die diskretionären (unberechenbaren) spekulativen Momente im Markt der Energieträger notgedrungenermaßen verschwinden und die Energieträger sich sozusagen wieder auf „Null stellen“. (b) Für das Ende von Quartal Drei (Q3) in 2008 wird der Index auf 1 gesetzt. (c) Betrachtet werden die beiden Benchmarks WTI (Western Texas Intermediate) und Natural Gas Henry Hub in Louisiana. (d) Beide marktführenden Indizes sind leicht verfügbar und einsehbar.

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Schaubild: Preisschere (Preisdivergenz) zwischen Natural Gas und Golf Crude WTI in den USA

Aufmerksamkeit verlangte das Preis-Verhältnis beider Energieträger spätestens in dem Augenblick, als am marktbestimmenden Informationsmarkt der angelsächsichen Presse sich ein interessanter fundamentaler Widerspruch aufbaute. Da sagt Starinvestor Jeffrey Gundlach im April 2012 „that investors short Apple Inc. (AAPL) and hedge that bet by going long on natural gas.“ Also Apple shorten und Wette auf steigende Preise bei Erdgas. Und Starinvestor Bill Gross stellt dagegen in seinem Investment Outlook vom Dezember 2012 fest: „Cheaper natural gas and the possibility of reversing or even containing the 40-year upward trend of energy costs may be a boon to productivity and therefore growth. There is talk of the U.S. being energy independent within a decade’s time.“ Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: „Billigere Erdgaspreise und die Möglichkeit eines Umschwungs oder eines Aufhaltens des vierzigjährigen Aufwärtstrends der Energiekosten könnte sich als Segen für Produktivität und damit Wachstum erweisen. Man spricht davon, dass die USA innerhalb einer Dekade die Energieunabhängigkeit erreichen“. Holla. Zwei Dinge offenbaren sich: (a) Beide Stars mit gegensätzlicher Meinung, (b) die neue Energiewelt.

Als Europäer oder heute mehr als „Kontinentale“ neigen wir vielleicht dazu zu fragen: Wie sieht denn das in Europa aus? Vielleicht, weil die USA weit weg sind. Wir werden sehen, wo gerade hier das Problem liegt. Unser nächstes Chart ist etwas komplizierter in der Konstruktion: (a) Für den Start gleicher Zeitpunkt und Index 1. (b) Öl ist relativ einfach, da es das bekannte Brent-Öl gibt. (c) Die Daten sind dennoch letztlich nur über die Börse direkt auf der Seite der ICE in London verfügbar. (d) Gas ist in Europa ein zersplitterter Markt: Niederlande, Nordsee, Gazprom/Rußland, nationale Felder und Anbieter etc. Daher wurden zwei Indizes: einer für den (Nordsee abhängigen) britischen Gasmarkt und einer für den letztlich ebenfalls Nordsee abhängigen holländischen TTF-Terminal zusammengefaßt und dieses hoffentlich repräsentative Kompendium mit Brent-Öl verglichen. Das Chart:

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Schaubild:  Preismuster Erdgas und Brent-Öl in Europa

Sofort fällt unter Berücksichtigung aller methodischen Schwierigkeiten der entscheidende Unterschied zu den USA ins Auge: Kaum Schere und deutliche Aufwärtsbewegung nach dem ersten Schock der Finanzkrise und der anschließenden Beruhigung der Märkte! Steigendes Niveau in Europa, eher stabiles bis fallendes Niveau der Energiepreise in den USA. Ehe wir uns auf die enormen Implikationen und zu ewartenden Folgen einlassen würden, wenn diese Entwicklung weiter anhalten würde, hier ein Blick auf eine weitere hochinteressante Preisdivergenz von Erdöl in den USA und Europa. Das folgende Chart enthält die bisherigen Daten aber gruppiert sie nach dem Energieträger Öl. Das Chart:

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Schaubild: Preistrennung Energieträger Ol Brent-WTI 2008 – 2012

Kurze Bewertung: (a) Vieles, was wir über die „bösen“ und „marktmanipulierenden“ Ölkonzerne hören, muß mindestens dahingehend relativiert werden, dass es Unterschiede gibt. (b) Offen bleibt, wie lange eine solche Preistrennung der atlantischen Ölpreise an funktionierenden Märkten mit Tendenz zum Ausgleich und Arbitrage anhalten kann. Wenn sie länger anhält, stimmt etwas nicht am Markt. (c) Und auch hier sollte man das kleine Einmal-Eins wieder nachschauen: Märkte werden von den Marktteilnehmern im staatlich gefaßten Ordnungsrahmen gemacht. Die Konzerne sind groß und mächtig. Der staatliche Ordnungsrahmen ist gewaltig und mächtig. Eine Eigenart moderner Menschen ist, dass sie beide Bestimmungsgründe nicht mehr simultan sehen. Und zwischen Ärger über die Konzerne (Benzinpreis, Markt) und Ärger über den Ordnungsrahmen (Steuern auf Benzin, Strom, Energieeinsparungs-Verordnung etc.) hin und her pendeln. (d) Die tendenziell niedrigeren Ölpreise der USA (blaue Linie) weisen auf die nächste fundamentale Änderung hin: Die USA dehnen ihre Ölproduktion bei sinkenden Preisen aus. Die amerikanische Ölförderung ist zuletzt um 766000 Barrel auf das höchste Niveau seit 15 Jahren gestiegen. Seit dem Peak in 2005 sind die Erdöleinfuhren um 38 Prozent, die Einfuhrabhängigkeit von 60 Prozent auf 41 Prozent gefallen. Gleichzeitg fangen die Amerikaner auch an zu sparen: Der Benzinverbrauch der US-Automobilisten ist vom Höhepunkt in 2005 jetzt um 16 Prozent gefallen. Wem das nicht reicht, das sind 3,5 Millionen Barrels am Tag. (Amerikanische Regierung, Bloomberg). (f) Die neuartigen Fördermethoden bei Erdöl (Schieferöl ist dabei) und Erdgas (Fracking) sind umstritten. Nicht umsonst beginnt daher dieser Beitrag mit einem kleinen politisch-methodischen Hinweis. Denn wir erleben derzeit in Deutschland derzeit leider die Spitze der Absurdität: Der Verband der Wärmedämmindustrie verweist auf das hohe Energiepotential der Wärmedammstoffe an den Hauswänden, wenn diese Materialien in dreißig Jahren wieder recycelt werden müssen. Ist die Dämmung demnach nur eine Verlagerung der Verbrennung in die nächsten Jahre, wie bei einem Null-Coupon-Papier, das in dreißig Jahren bei vorschüssiger Zahlung der Zinsen zum Nennwort wieder zurückbezahlt wird? Jenseits der tiefgründigen philosophischen Fragen, die sich hier auftauen, fragt der Malermeister bescheiden dazwischen, wie und wie gut die circa 5 bis 7 zwischenzeitlich aufgetragenen Farbschichten dabei wohl brennen werden. (g) Die Preisdivergenz von Brent und WTI-Öl ist aber nicht nur erklärbar über die gestiegene Öl-Produktion in den USA, sondern auch über die oben gezeigte Preisschere WTI-Öl zu Henry-Hub-Erdgas-Preis. Unweigerlich zieht ein Energieträger den anderen nach unten. Und daher stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der Gaspreise USA und Europa. Diesmal werden obige Daten nach Energieträger Gas gruppiert. Die Schere ist bereits gewaltig offen:

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Schaubild: Preistrennung/Preisdivergenz Energieträger Gas Henry Hub und NBPI/TTFI 2008 – 2012

Kurze Bewertung für ein mögliches, aber noch nicht sicheres Megaphänomen (a) Möglicherweise sehen wir eine riesige fundamentale Umwälzung auf uns zu kommen. Gas kommt zwar nicht so schnell und einfach von Amerika nach Europa. Aber Kapital und Investitionen sind beweglich. Sie werden zur billigen oder billigeren Energie fließen/wandern. Wer heute in einer Konzernzentrale plant, kann über solche Fakten nicht mehr hinwegschauen. Da steht das Ergebnis bei vielen heute schon fest. (b) Wo Produktionen enstehen, verschwinden andere, es sei denn alles wächst in der Summe deutlich weiter. Welche Rückwirkungen ergeben sich für Europa? (c) Wie sieht die Story vom „Peak Oil“ aus? Ist sie wirklich „dead“ (tot), wie Edward Morse von der Citi-Bank sagt? Oder verschieben sich die Dinge wie vieles nur mehr oder minder in die Zukunft? Wie dauerhaft sind die aufgezeigten Scheren und Divergenzen? Sicherlich gibt es keine definitive Antwort. Aber vielleicht ahnen wir: Totgesagte leben manchmal länger.

Summe: Drei neue Phänomene: Das Gas in den USA, das „neue“ Öl in den USA, die generelle Divergenz der Energiepreise zwischen Europa und den USA.

Quellen:

William H. (Bill) Gross: Strawberry Fields – Forever? Investment Outlook December 2012, online unter: http://www.pimco.com/EN/Insights/Pages/Strawberry-Fields-Forever.aspx

Bloomberg: Gundlach Buys Stocks, Sees ‚Kaboom‘ Ahead; online 2012-11-30 unter: http://www.bloomberg.com/news/2012-11-30/bond-investor-gundlach-buys-stocks-sees-kaboom-ahead.html;

Blooomberg: American Oil Growing Most Since First Well Signals Independence; online 20120-12-19 unter: http://www.bloomberg.com/news/2012-12-19/american-oil-most-since-first-well-in-1859-signals-independence.html

Citi Bank: Energy 2020. North America, the New Middle East? ; Online download unter: http://fa.smithbarney.com/public/projectfiles/ce1d2d99-c133-4343-8ad0-43aa1da63cc2.pdf

Energy Bulletin: Zum Thema Peak Oil; http://www.energybulletin.net/taxonomy/term/73?page=2

Intercontinental Exchange: www.theice.com

S&P: http://us.spindices.com/

(Dr. Johannes Wierer, 2012-12-20)

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