Vier Monate Börse 2016 – ein Kommentar.

Die ab Mitte Februar sich abzeichnende Erholung der Aktienmärkte geht weiter. Der deutsche Dax hat die psychologisch wichtige 10.000er Marke wieder überschritten, von 11.000 war schon die Rede wieder. Der Dow Jones hat die ebenfalls bedeutsamen 18.000er Marke wieder überschritten und steht ebenso wie der S&P 500 bereits auf Jahreshöchststand. Die brasilianische Börse, die hier als Stellvertreter für den südamerikanischen Kontinent ausgesucht wurde, bewegt sich ganz Samba nach oben, ebenso wie die nicht dargestellte chilenische Börse auch im Jahresplus liegt.

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Die US-amerikanischen Aktien weisen in dem dargestellten Chart auf den ersten Blick deutlich die geringste Volatilität auf, was einmal ganz generell durch die Stärke der angelsächsischen finanziellen Institutionen und Investoren sowohl auf institutioneller Seite bis hin zu derjenigen der privaten Investoren ganz generell erklärt werden kann. Darin liegt auch die alte Börsenweisheit begründet – in dem Sinne, wenn Wall Street einen Schnupfen hat, bekommt Europa Erkältung oder so ähnlich. Allerdings spielt der Dax auch schneller verrückt als der Dow. In dem Sinn: Wenn die Wall Street bullish ist, rast der Dax durch die Decke, wie z.B. in den ersten Monaten 2015.

Zu den spezifischen diskutierten Erklärungen der aktuellen Erholung gehört speziell die unerwartet schnelle und stabile Erholung der Ölpreise von ihren Tiefs unter 30 USD für WTI z.B. Diese Erholung basiert offenbar weniger auf dem Markt für physisches Öl, also Angebot und Nachfrage, oder Faktoren wie dem sog. „Rigg-Count“ (Zählung der aktiven oder stillgelegten Borhrtürme in den USA) als vielmehr auf den gigantischen spekulativen Wetten auf diese Erholung an den Terminmärkten. Was wiederum beweist, wie müßig es ist, sich über Spekulation zu ereifern. Stabilisiert oder destabilisiert sie? Und zum anderen ist es ein Hinweis auf das Grundprinzip der Börsen: Sie leben von und lieben die Bewegung, hier kann Geld verloren, aber wieder zurück gewonnen werden.

Die Erholung der Märkte wurde ohnehin unterstützt durch das sog. „Window-Dressing“ zum Ende des ersten Quartal – gerade bei den US-Fonds ein Muss. Yellens neuerliche Sendepause in Sachen Zinserhöhung, das damit korrespondierende Bemühen der Bank of Japan in Sachen Nikkei-Stärkung und Yen-Schwächung, ob erfolgreich oder nicht, EZB-Draghis „All what it takes“-Sprachmuster inclusive weiterer Bond-Aufkauf-Programme, dann die immer mehr allen Ernstes vorgetragene aberwitzige Idee des Helikoptergeldes, neuerdings formuliert seitens der schwedischen Notenbank Nordea (jeder bekommt einfach 1.500 Euro geschenkt) beflügeln die Finanzmärkte: Macht Euch keine Sorgen, Geld ist immer da. Zu diesem Kreis von zentralen Beschwörern zählt gewiss auch die chinesische Zentralbank einschließlich der chinesischen Regierung. Schließlich ist der chinesische Renminbi nicht aufgewertet, sondern bewußt abgewertet worden, was auch die von Einigen herbeischwadronierte Vision eines kommenden währungspolitischen Zweikampfes Dollar versus Renminbi als triviale und wenig originelle Idee aus der geopolitischen Klamottenkiste erscheinen läßt. Tatsache ist vielmehr, dass die Zentralbanken dieser Welt alle zusammen eine Art Chor bilden, dessen gemeinsame Funktion es ist, in ihren Zuständigkeitsbereichen jeweils auf passende Art und Weise für die angemessene Form der wirtschaftspolitischen d.h. wachstumspolitischen Zielrealisierung zu sorgen. Und Kämpfe untereinander zu vermeiden, weil sie alle im gleichen Boot sitzen. Verstärken sich dann noch die Stimmen der Gruppe der sog. „Untergangspropheten“ (wie z.B. hier Nouriel Roubini), weil der Westen wirtschaftlich schon längst auf allen Vieren kriecht und man deswegen erst recht zur Ultima Ratio greifen muss (kann auch heißen  letzte Ration verbrauchen), dann schimmert auch durch diese Börsenerholung der fundamentale Paradigmenwechsel des Geldes seit spätestens Mitte der 1980er Jahre durch. Geld ist, überspitzt gesagt, als statische oder nominale bzw. passive Größe für die Akteure und makroökonomischen Rädchendreher gesellschafts- und wirtschaftspolitisch uninteressant, nur noch ein Instrument, um, salopp formuliert, den Laden am Laufen zu halten, (Weg mit Zins! Weg mit der Werterhaltung!), aber in aktiv investierter Form des gesellschaftlichen Schutzes gewiss – weil es etwas bewegt. Und damit darf es auch Erträge generieren. Diese Sicht der Dinge ist bisher nicht Allgemeingut, sondern ein gemeinsames offenes Geheimnis der Akteure in Politik und Zentralbankwelt, deswegen aber geheim, weil es dem allgemeinen Nimbus Geld so diametral entgegengesetzt ist und keiner der Normalmenschen daran glaubt oder es so in dieser Form für möglich hält. In der Sprache des Marketings würde man vom stabilen Markenkern der Marke Geld sprechen, in der Soziologie von der routinemäßig eingeübten Wahrnehmung, die immun gegen andere Erfahrungen ist. Noch immun –  was ja gerade von den Akteuren andererseits bekämpft wird, es soll das Geld lieber in den Kreislauf als gespart werden.

Allerdings ist dieses Spiel mit der Wahrnehmung eine nicht ungefährliche Gratwanderung. Wir erinnern uns, wie in der Finanzkrise das Thema Vetrauen in den Euro und die Stabilität des Finanzsystems immer wieder die offiziellen Erklärungen beherrschte. Es muss ja nicht zur Großen Inflation wie 1923 kommen, sondern es reicht in Europa der schleichende Vertrauensverlust in den Euro und die europäischen Institutionen. Dann kommt es zum latenten Misstrauen gegen Europa. Erleben wir das heute?

Und in den USA? Die Fed-Notenbankchefin sitzt möglicherweise schon in der Falle. Die Zinsen anheben? Was ist mit den Staatsschulden der USA und in dieser Welt? Wenn ein Staat mit 80 Prozent des BIP verschuldet ist, und das sind viele, dann fordern rein theoretisch 3 Prozent Zinsen auf 80 Prozent BIP ganze 2,4 Prozent Wachstum ein. Sieht unmöglich aus.

Also werden notgedrungenermaßen die Aktienmärkte eben auf ihren seit Jahren währenden Aufwärtskurs geschickt. Neben dem Billig-Zins und der (bisher nicht funktionierenden) Inflationsandrohung ist der damit bewirkte Vermögenseffekt für die Aktionäre die dritte Waffe zur so dringend erwünschten Ankurbelung von Konsum. Allerdings auch hier mit dem Dilemma, dass es für diese Reise keine Garantie auf sichere Wiederkehr gibt. Dem Vermögenseffekt von heute würde bei nicht gleich starker Steigerung der Gewinnkraft der Unternehmen auf Dauer ein höheres KGV gegenüber stehen, also mit dem Risiko von Vermögensverlusten oder starker Volatilität der Aktienmärkte, denn je höher der KGV-Wert, desto höher die Neigung Kasse zu machen. Oder dauerhaft höhere Gewinne rechtfertigen im optimistischen Fall die höheren Aktienkurse. Danach sieht es derzeit nicht aus.

Dennoch die Sparer sparen bei Nullzins weiter, die Aktionäre kaufen weiter Aktien oder halten sie, aus Angst, die nächste Rally zu verpassen. Andere schwitzen in Short-Squeeze und müssen kaufen. Die Ölpreise steigen weiter, obwohl das inzwischen aufgebaute Überangebot erst einmal wieder abgebaut werden muss. Die staatlichen Schulden wachsen weltweit weiter. Da alles so ungewiss ist, macht man lieber alles wie bisher: Spart und bekommt keine Zinsen oder kauft Immobilien oder Aktien. Aber was wäre, wenn die Notenbanken mehr falsch als richtig machen, wie der indische Notenbankpräsident Rajan selbst fragt. Ist das alles egal?

Dr. Johannes Wierer

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