Sokrates und Zeitgenosse zur Flüchtlingskrise. Teil 1

Sokrates und der  Zeitgenosse treffen sich auf einem Marktplatz in einer deutschen Stadt. Ihre Begrüßung fällt wie immer herzlich aus.

Zeitgenosse: Sokrates, gut dass ich Dich treffe. Ich bin zwar von meiner Frau geschickt worden, um für unser Mittagessen einzukaufen, aber die Gelegenheit will ich nutzen, Dich um Dein Urteil zu bitten. In einer Sache, die mich im Augenblick doch sehr beschäftigt.

Sokrates: Nur zu, ich habe Zeit.

Zeitgenosse: Also das Thema Flüchtlinge geht mir wie Vielen heute derzeit nicht aus dem Kopf. Und mir im Augenblick ganz besonders nicht, da wir eigentlich uns immer eine Mittelmeerreise gewünscht hatten und jetzt auch ein interessantes Angebot gefunden haben.

Sokrates: Aha, ich verstehe. Du hörst also Meldungen wie diese, dass wieder siebenhundert Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Du hast doch davon gehört?
Zeitgenosse: Ja, natürlich. Jeder hört davon. Und genau da habe ich ein bisschen ein Problem.

Sokrates: Welche Frage an mich hättest Du denn in dieser Sache?

Zeitgenosse: Ehrlich gesagt, ich bin da in einer ziemlichen Zwickmühle, aus der ich nicht rauskomme. Und deswegen wäre es mir fast lieber, dass Du mir die Fragen stellst, die ich mir eigentlich stellen sollte, zumal Du ja für Deine Fragen ziemlich berühmt bist.

Sokrates: Na ja, wir werden vielleicht aus der Zwickmühle nicht ganz rauskommen, aber schon einen Weg finden und ein wenig Klarheit erreichen.

Zeitgenosse: Ich danke Dir.

Sokrates: Also gut, fangen wir an. Befürchtest Du alleine eine Einschränkung des möglichen Vergnügens Deiner kommenden Reise oder eine Beeinträchtigung ihres Genusses angesichts der menschlichen Tragödien im Mittelmeer?

Zeitgenosse: Nein, eigentlich nicht. Ich glaube nicht, dass es mir nur darum geht. Da ist sicherlich mehr.

Sokrates: Gut ich verstehe. Dir ist unwohl bei dem Gedanken, dass Du im Luxusdampfer über die Wellen eines Meeres gleiten würdest, in dem an jedem Tag Hunderte von Menschen bisweilen einen fürchterlichen Tod erleben und dieser malerische Schaum der Wellen für sie das letzte ist, was sie von dieser Welt sehen.

Zeitgenosse: Gewiss, Sokrates. Und ich frage mich, ob ich mich da moralisch richtig verhalte, eine solche Reise überhaupt anzutreten.

Sokrates: Also müssen wir Deiner Fragestellung gemäß Moral und Reise im Mittelmeer miteinander verbinden. Meinst Du das?

Zeitgenosse: Ja, sicher.

Sokrates: Du willst hierfür eine allgemein gültige Antwort.

Zeitgenosse: Allerdings. Warum  fragst Du?

Sokrates: Ich möchte nur sicherstellen, dass Du nicht etwa nach einer Lösung  suchst, die von vorne herein feststeht, nur um in Deiner Seele Ruhe zu bewahren und die Reise unbedingt zu buchen.

Zeitgenosse: Das will ich nicht versuchen.

Sokrates: Gut. Dann wollen wir mal anfangen und einige moralische Standardsituationen betrachten. Kannst Du Dir vorstellen, dass Du eine Schiffsreise machst, die sogar sehr moralisch ist.

Zeitgenosse: Eigentlich nicht. Es fehlt mir da die Eingebung. Ich dachte eher an das Gegenteil. Wie meinst Du das?

Sokrates: Also stell‘ Dir mal vor, auf Deiner Reise trefft Ihr auf ein überfülltes Boot mit Flüchtlingen, das zwar noch seetüchtig ist aber dem Deiner Einschätzung nach unbedingt geholfen werden müsste. Es gelingt Dir, den Kapitän zu einer Rettungsaktion zu bewegen.

Zeitgenosse: Das wäre in der Tat eine Situation, an die ich nicht gedacht habe.

Sokrates: Das wäre doch in Deinem Sinn eine moralische Aktion.

Zeitgenosse: Ja natürlich.

Sokrates: Wenn ich den Gedanken weiter verfolgen würde, müsste die Reise gerade in der Hoffnung auf diese Situation gebucht werden.

Zeitgenosse: Gewiss, aber ich befürchte, dass es mir nie und nimmer gelingen würde, einen Kapitän oder gar eine ganze Mannschaft in einer solchen Lage zu einer Änderung ihrer Einschätzung oder Pläne zu überreden.

Sokrates: Dann versuche, einen Teil der Passagiere auf Deine Seite zu kriegen, um Deiner Stimme mehr Gewicht zu verleihen.

Zeitgenosse: Auch da glaube ich nicht an mein Glück.

Sokrates: Ich selbst halte diese Gedankenspiele auch nicht für realistisch. Sie sollen aber die sogenannte Verantwortungsmoral darstellen, die zumindest theoretisch mit einer Reise im Mittelmeer verbunden werden kann.

Zeitgenosse: Aber eben nur theoretisch.

Sokrates: Gewiss. Diese Art von Moral ist sich im Ergebnis nie sicher. Deswegen die nächste Idee. Auf Deiner Reise setzt eine Gruppe von Aktivisten plötzlich den Kapitän fest und übernimmt das Kommando. Und die Gruppe steuert auf die libysche Küste zu, sammelt dort in den Küstengewässern die Flüchtlinge in ihren völlig seeuntauglichen Booten ein und bringt sie in dem so gekaperten Kreuzfahrtschiff nach Italien oder gar nach Deutschland.

Zeitgenosse: Das wäre aber illegal.
Sokrates: Aber ein Fall von sogenannter Gesinnungsmoral, und hier verwirklicht in einem spektakulären Akt. Es ist nur ein Beispiel.
Zeitgenosse: Aber ein krasses.
Sokrates: Warum eigentlich?
Zeitgenosse: Entführungen oder Festsetzungen sind nie gut.
Sokrates: Es ist doch sozusagen exakt das Gegenteil eines terroristischen Akts, bei dem Menschen getötet werden. Hier würden Menschen gerettet, denn viele überleben die Reise in den Booten nicht. So viel steht fest.

Zeitgenosse: Aber die Aktion ist auf jeden Fall ungesetzlich und bliebe nicht ungestraft. Und es würde zu Ansprüchen auf Schadensersatz der Reisenden an die maritime Gesellschaft und den Reiseveranstalter kommen. Die würden wiederum die jungen Leute in die Haftung nehmen. Aber, lieber Sokrates, Du scheinst schon einen Plan für Deine Ausführungen zu haben. Du traust mir bestimmt keine Entführung oder eine andere ungesetzliche Aktion zu, wie Du Sie als Beispiel nanntest.

Sokrates: So ist es. Ich habe auf Deinen Einwand gewartet oder bin nicht überrascht darüber, dass Du meintest, dass rein rechtlich die Aktion von Aktivisten mit dem Ziel einer Entführung eines Kreuzfahrtschiffs nicht zulässig ist. Damit hast Du das Feld unserer Betrachtungen über Moral mit dem Gesetz erweitert. Damit sind wir schon weit gekommen. Wir haben die Gesinnungsmoral der Aktivisten und die Verantwortungsmoral von Dir als Reisendem, der den Kapitän zu einer Rettungsaktion überreden könnte, kennengelernt. Aber auch dass Moral und Gesetz was Verschiedenes sind oder zumindest nicht immer in Übereinstimmung sind. Wir sind in Vieles eingebunden.

Zeitgenosse: Gibt es denn noch mehr?

Sokrates: Gewiss. Worüber wird denn in der aktuellen Flüchtlingskrise so viel diskutiert neben der Frage, dass es eine zu hohe Zahl von Flüchtlingen seien? Möglicherweise  kommst Du auf den Punkt, den ich meine?

Zeitgenosse: Vielleicht, dass die Kontrollen zu lasch sind und wir nicht wissen, wer alles zu uns kommt. Dass viele Migranten ohne gültige Papiere einreisen.

Sokrates: Was gilt hier als größte Sorge?

Zeitgenosse: Dass sich hierunter auch potentielle Gewalttäter befinden. Ich las von einer Zahl von fünfhundert, die die zuständige Behörde in Deutschland schätzt. Womit natürlich auch ein Erhöhung des Sicherheitsrisikos in unserem Land verbunden ist.

Sokrates: Das sehe ich auch so.

Zeitgenosse: Dann wäre das also keine moralische Frage allein mehr, sondern auch eine politische Frage.

Sokrates: So ist es. Und nicht nur das. Während die Moral sich mit Gut und Böse auseinandersetzt, geht es der Ethik um das Richtige und Falsche hinsichtlich unseres Tuns. Dann muss eine Rettungsaktion im Mittelmeer auch unter dem Gesichtspunkt bewertet werden, ob sie richtig ist. Ob sie insbesondere das Sicherheitsrisikos in dem Land erhöht, das die Flüchtlinge empfängt.

Zeitgenosse: Das stelle ich mir aber schwer vor. Wie will man denn das lösen? Aber mir fällt dazu der Vorschlag einer Zeitung ein, dass die europäischen Staaten eine internationale Flotte zusammenstellen, die die Migranten von ihren Booten rettet und in sichere Unterkünfte in Libyen zurückbringt. Wäre das eine Idee?

Sokrates: Das hört sich sehr gut an. Weil es eine kooperative Lösung, die anders als unsere anfangs diskutierte Idee der Kaperung eines Schiffs nicht nur humanitäres Faustrecht wäre, sondern sie würde an sich eine humanitäre legale Aktion darstellen. Wenn da nicht praktische Probleme wären.

Zeitgenosse: Lieber Sokrates, wir haben oft miteinander diskutiert und um Lösungen gerungen. Und ich spüre Deine Zurückhaltung. Und ich ahne schon ihren Grund.

Sokrates: Mal sehen, ich bin gespannt.

Zeitgenosse: Die neuen Flüchtlingsläger wären auf libyschem Boden. Dort haben die Schleuser das Sagen und halten die vom Süden eingereisten Migranten wie Sklaven. Sie zwingen die Armen mit vorgehaltener Maschinenpistole in die Boote fast ohne Treibstoff und drücken nach Zahlung weiterer Gelder einem von ihnen zuletzt ein Handy mit der vorprogrammierten Nummer der italienischen Küstenwache in die Hand. So ist es jedenfalls heute. Gäbe es jetzt eine internationale Flotte, sähe dieses schmutzige Geschäft noch lukrativer aus, weil sicherlich noch mehr Schiffe zur Rettung patrouillieren würden. Dann wird einfach die neue Telefonnummer der Hilfsflotte in die Handys eingegeben, und das Ganze läuft in noch größerem Umfang ab.

Sokrates: Das war oder ist mein Bedenken.

Zeitgenosse: Die Menschen sind in Libyen und kommen in Libyen wieder an – über eine Zwischenetappe im Meer. Würden sie direkt in die sichern Läger wollen, würde Ihnen selbstverständlich der Weg dorthin mit Gewalt versperrt.

Sokrates: Du sagst es. Aber ich sehe dort, die Bauern ihre Stände auf unserem schönen Marktplatz wieder abbauen. Und Deine Frau wird Dich schelten. Denn wie sagte einer meiner Nachfolger….

Zeitgenosse: …Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Meintest Du das?

Sokrates: Ja, aber ich finde das Zitat ziemlich herablassend. Erst kommt der Genuss dann die Moral.

Zeitgenosse: Ja, dachte ich auch. Also morgen sehen wir uns wieder. Kann ich damit rechnen?

Sokrates: Ja, ich überlege schon mal weiter. Bis morgen. Und lass‘ es Dir und Deiner Frau gut schmecken. Aber vergiss nicht Deine Einkäufe….

Dr. Johannes Wierer

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