Geld – Quo Vadis (Essay Kurz)

Nachstehend die Kurzfassung des geplanten Referats bei der VHS-Ratingen am Dienstag, den 21. März 2017.

Fragestellung

Geld quo vadis?  Wäre diese Frage im europäischen Mittelalter gestellt worden, gäbe es Kopfschütteln. Geld war Gold oder Silber in verschiedenen Münzformen. Die Frage war für die Menschen nur, ob die Münzen wirklich echtes Gold oder Silber waren oder nicht mit einem weniger edlen Metall vermischt.  In China waren die Kupfermünzen des Staates ein Jahrhunderte, ja das mehr als ein Jahrtausend lang gültiges und vertrauenswürdiges Medium . Der „Wuzhu“, erstmals unter Kaiser Wudi ab 118 Vor Christus herausgegeben, blieb bis 618 Nach Christus im Umlauf. Diese achthundert Jahre werden dann übertroffen vom „Kaiyuan Tongbao“, erstmals unter der Tang-Dynastie im Jahr 618 herausgegeben, der bis 1911 gültig blieb, als deutlich mehr als ein Jahrtausend. Aber als Chinesen mit Papiergeld experimentierten, viel früher als wir, ging die Sache dann irgendwann „schief“. Es wurden zu viele Scheine gedruckt.

Der Geldwandel (Geldhoheit)
Eigentlich läßt sich jetzt schon beobachten, was für die Entwicklung des Geldes bis heute typisch ist. Zuerst treffen die Menschen selbst eine Entscheidung für das werthaltige Geld, zumindest für eine knappe, naürliche Sache. Dann greift der Staat, zu sehen in China,  ein und übernimmt die Regie für das Geld. Dort schafft ein im relativen Vergleich zu Europa  hochstabiler und Jahrtausende währender Staat ein stabiles Geld, aber auch er entfernt sich vom Metallwert. Im staatlich und herrschaftlich zersplitterten Europa wird diese Geldentwicklung quasi unüberschaubar und mündet schließlich in eine Fülle nationaler Währungen. Diese Währungen haben keinen Bezug mehr zu einem sie garantierenden Wert und werden mal getragen von schwachen oder eher stabilen Staaten einschließlich deren politischer Systeme, die in Europa zweimal eine militärische Katastrophe  nicht abzuwenden in der Lage sind. Unserem Eingangsbeispiel folgend: Es gibt nicht nur keine eingebaute Kontrolle im Geld mehr, sondern im Gegensatz zu China einen fundamentalen Widerspruch zwischen dem Hoheitsanspruch des Staates für sein Geld und der inneren politischen  Stabilität dieser Staaten.

Der Geldwandel (Fiat-Money, Geldschöfpfung durch Schulden)
Dennoch sagte jeder dieser vielen Staaten letztlich ab dem 19. Jahrhundert  und später: Hier gilt mein Geld, das sog. „Fiat-Money“.  Es werde Geld, was ich bestimme. Und dieses Fiat-Money kombinierte sich mit einem fundamentalen Prinzip des modernen Geldes, das in diesen Tagent auf die Probe gestellt wird. Die Geldschöpfung geschieht durch eine Schuld- oder Kreditbeziehung. Der Staat ist über eine Anleihe Schuldner,  Inhaber der Anleihe sind Kreditgeber. Ähnlich bei einem Kredit der Bank. Dieses Geld hat eine eingebaute Dynamik: Es ist nicht mehr absolut knapp. Neue Schulden, neue Kredite können es jederzeit vermehren.
Globalisierung, Dollar

Bleiben wir bei dem historisch fragwürdigen Begriff „Globalisierung“ für die Entwicklung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Was Schuldgeld vermag, wird zuerst deutlich am sog. „Petrodollar“. Erste Welle: In den 1970er Jahren explodierte in Folge der sog. „Ölkrise“ der Ölpreis, und es entstand eine riesiges, nur unter dem Schuldgeld mögliche Dollarschwemme in Richtung OPEC-Länder. Amerika als politisches und währungspolitisches Zentrum der Welt holte diese Gelder zurück in den Westen. Als Anlagegelder oder Anzahlungen für Panzer und Flugzeuge zur Stabilisierung der Herrschaft in den Ölländern.

Die zweite Welle ist die interessanteste: USA + China.

Mit der beginnenden Kooperation der USA gegenüber China in Gefolge des Besuchs von US-Präsident Nixon und dem damals epochalen Treffen am 28. Februar 1972 mit den chinesischen Führern Mao-Tse-Tung und Tschu-En-Lai kommt es nicht nur zu einer politischen Wende der Beziehungen der USA und China. Es beginnt vielmehr die eigentliche Globalisierungswelle des 20. Jahrhunderts,  die heute noch anhält. Was als erstes markantes Handelsdefizit  von Amerika gegenüber China begann, entpuppt sich heute rückblickend für viele, aber damals schon so angelegt als eine gigantische Gemeinschaftsaktion von fünf Akteuren,  von zwei politisch gänzlich verschiedenen Staatssystemen  USA und China, zweier im neuen entreglementierten Geldsystem synchron handelnder  Zentralbanken,  der Fed und der chinesischen  Zentralbank und eines fünften Partners, des amerikanischen Finanzsystems,  kurz Wall Street.

Das Schema, das viele klassische  Industriestandorte der USA verwüstete und im Gegenzug Industriezonen in China entstehen ließ, hängt unmittelbar mit dem neuen „nackten“ und von Zwängen freien Dollar zusammen.  Zwei Defizite werden von den USA losgetreten oder verstärkt:  Das Staatsdefizit und das Handelsdefizit,  die beide Dollars erzeugen, mit denen US-Importe bezahlt werden können, weil die dafür empfangenen Dollars von den chinesischen Exporteuren bei der chinesischen Zentralbank wieder eingereicht werden können und  China mit seinen Dollarüberschüssen in großen Mengen die amerikanischen Schuldtitel des US-Defizits aufkauft,  das US-Handelsdefizit in der globalen Bilanz wieder ausgleicht.  Kredit oder Schuldgeld zeigt sein Potenzial.

Die dritte Welle enthält die Entwicklung des US-Dollars zur Leitwährung. Die USA werden zum Zentrum der großen Warenbörsen, der Dollar wird zur zentralen internationalen Währung, die für alle möglichen Notierungen und Preise (Ölpreis z.B.) verwendet wird.

Unterstützt wird das Ganze durch die restlose Entkernung des Währungssystems: Die USA heben die Konvertibilität von Dollarreserven der Zentralbanken in von Amerika vorgehaltenes Gold auf. Was als Tabubruch dargestellt wird, passt den anderen Ländern, die jetzt fleißig exportieren und Dollarüberschüsse weiter aufbauen.

Exkurs Globalisierung als Blaupause für den Euro

Wenn Globalisierung wie voranstehend als aus der Entwicklung des Geldsystems folgend interpretiert wird, dann tun sich tatsächlich flagrante Analogien und Ähnlichkeiten zum Euro auf. Die Euroländer sind über eine Währung fest verknüpft,  was der über Jahrzehnte anhaltenden Kopplung (genannt „peg“ ) des chinesischen Yuan an den US-Dollar. China tangierte die US-Industriezentren, Deutschland offenkundig die Industrien im Süden Europas, selbst wenn deren Löhne zu schnell stiegen. Die automobilen Zweigwerke in Ungarn erinnern sehr stark an solche jetzt auch in Mexiko für den amerikanischen Markt. Und Griechenland oder Portugal ist eine Art Detroit zumindest in der Form, dass diese Länder chancenlos beim Aufbau von Wettbewerbsindustrien erscheinen. Das Exportland Deutschland hat wie China einen ausgeglichenen Staatshaushalt, während die Importländer im Süden die Rolle der USA mit ihren Staatsdefiziten übernehmen, aber als Defizitländer analog den USA über ihre Stimmenmehrheit in der EZB das gemeinsame Geldsystem bestimmen. Genauso wie China die Dollars eines entgrenzten Geldsystems auf das Konto seiner Zentralbank als Einnahmen einträgt, akkumuliert die deutsche Bundesbank die Euros der Schwachländer für ihre Importe aus Deutschland als sog. TARGET2-Forderungen, deren Werthaltigkeit genauso wie beim Dollar letztlich reine Glaubensfrage ist.

Die Dauerhaftigkeit einer Entwicklung

Weltweite Globalisierung und Eurozone weisen im Prinzip zwei Gemeinsamkeiten auf, die aber Sprengkraft in sich tragen: Ökonomische Differenzierung und Stabilisierung von Staatsschulden. Ökonomische Differenzierung: Weniger Industrie in den USA, mehr in China oder Mexiko z.B.; Stabilisierung der Aufnahme von Staatsschulden: Die chinesische Zentralbank kauf t US-Treasuries und stabilisiert den US-Haushalt, der ohne diese Käufe nur mit höheren Zinsen seine Papiere losschlagen könnte. Amerika sieht sich hier aber jetzt benachteilgt  In der Eurozone baut sich erst recht ein langfristiges, möglicherweise unlösbares Problem auf.

Der Euro und die Gefahren eines tragischen Kreislaufs

Bleiben wir beim Euro, unserem Geld. Und gerade hinsichtlich der in Europa angewandten Negativzinsen, d.h. vor allem bei „unserem“  Euro zeigen sich nicht nur die geldpolitischen Grenzen des modernen Geldes, sondern offenbart sich die Gefahr eines tragischen, historischen Kreislaufs des Geldes vom Zünder des Aufschwungs über den Retter des Aufschwungs zum Zerstörer des Aufschwungs und gar tiefer politischer Brüche in Europa bis hin zum Initiator der Auflösung der EU und von sich selbst. Ein Blick auf den Euro:

Euro: Nord-Süd-Gefälle, Ökonomische und soziale Divergenzen

Die Südländer werden durch die EZB, d.h. mit Hilfe des Geldes und niedriger Zinsen und Anleihenkäufe etc., in eine Art wirtschaftliches Sanatorium geschickt, das ein  alleine ökonomisch gesehenes Problem  nicht lösen kann.  Schon der damalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso warnte diesbezüglich im Jahr 2010 ganz explizit und sehr eindringlich vor einem möglichen Auseinanderbrechen der EU.

Warum haben wir auf der Welt der Menschen eigentlich Unterschiede? Stadt, Land, große, kleine Städte? Differenzierung und Entleerung, Urbanisierung, sog. Ecosysteme der Innovation wie San Francisco, London oder auch Berlin, dagegen Landflucht sind in gewisser Weise ökonomisch logisch angelegt, wenn sie nicht obendrein wie industrielle Mittelstandsregionen in Deutschland oder Norditalien historische Grundlagen haben.

Es gibt eigentlich keinen Grund dafür, dass Adidas ein moderne Maschine zur halbautomatischen Schuhherstellung in Süd- oder Mittel-Italien installiert statt in der Nähe seines Firmensitzes und seines Stammwerkes, es sei denn das Unternehmen folgt seinen Absatzmärkten, die aber auch nicht in Italien liegen würden. Es gibt keinen, außer einem sehr persönlichen Grund dafür, dass ein begabter und ideenreicher junger italienischer Ingenieur nicht im Norden Italiens sein Glück versucht und stattdessen im deindustrialisierten Süden. Statistisch und mathematisch nachweisbar ist die eigentlich triviale Erkenntnis, dass es nur kleiner Anfangsveränderungen und konstant einheitlich wirkender Folgebewegungen bedarf, um zu einer Ungleichverteilung einer anfangs gleich verteilten statistischen Masse zu kommen.

Verallgemeinert, was auch anerkannt ist: Unter dem Euro wie im Prinzip unter jeder Währung wachsen die Zentren und veröden die Ränder und weniger wettbewerbsfähige Regionen, bzw. kommen nicht auf die Beine, wie man so sagt. Oder: Die wirtschaftlichen Dynamiken gleichen sich nicht an, bleiben unterschiedlich oder gehen sogar noch weiter auseinander. Je weiter der Raum, desto größer der Differenzierungseffekt.

Dagegen staatliche Stabiliserung, besser „Homogenisierung“

Völlig anders die Mechanik auf die Staatshaushalte ganz speziell unter dem Euro. Beispiel Italien. Die EZB senkt die Zinsen auch für die italienischen Anleihen so tief, dass der Staat Defizite weiter bequem finanzieren kann. Die Niedrigzinsen stabilisieren bzw. gleichen die bisherigen politischen Verhältnisse und Verfahren dem Prinzip nach in allen Ländern an. Sie lösen in ihrer Wirkung vollkommen anders gerade keine Differenzierungseffekte aus, sondern ermöglichen allen die gleich bequeme Staatsschuldenfinanzierung .Sie senken den parlamentarischen Reformdruck. Beides konträr angelegt, ökonomische Divergenzen und stabile parlamentarische und administrative Verhältnisse in Rom, verstärkt die Ungleichgewichte und Spannungen in unserem Beispiel Italien – mit sozialen Wirklichkeiten, die zwischen Norden und Süden nicht größer ausfallen können. Das ideale Klima für Exit- oder Sezessionsbewegungen, deren Druck sich kontinuierlich weiter aufbaut. Diese Spannungen mildern sich, aber bleiben bestehen, auch dann, wenn die Wirtschaft Italiens wie aktuell wächst, aber seine Staatsschulden noch immer stärker als die Wirtschaft wachsen. Eine eigene Währung würde den Druck hingegen auf die Politik in Rom erhöhen, allein schon über den Außenwert.

Verallgemeinert bedeutet dies eine systematisch angelegte Gefahr von Ungleichgewichten nicht nur geografisch-ökonomischer Art innerhalb Europas oder auch innerhalb von Regionen der Staaten selbst, sondern noch schlimmer diese verhindern oder bremsen deren Rückkopplung auf vorhandene, aber nicht genutzte politische Korrekturmechanismen oder bremsen diese aus. Im Klartext: Gelder, die in schwache Regionen fließen und teilweise versickern, legen dort das politische System lahm.

Daher will sich in Italien der Norden vom Süden trennen und nicht umgekehrt. Analog Griechenland: Die arme Bevölkerung will dort den Euro behalten, die reichen Deutschen denken über den Grexit nach.

Das Problem wird gerne vor den Deutschen kaschiert.

Zu diesem Trio Bürger, Politik und ökonomische Divergenzen noch ein letzter Kommentar, der uns den schwierigen Weg der Erkenntnis über die Zukunft des Geldes offenbart, wie doch Licht in die Frage gebracht und zugleich das Problem verdunkelt wird. Im „Handelsblatt Morning Briefing“ schreibt der bekannte Gabor Steingart  am 9. März 2017:

„Nach der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank stellt sich ihr Präsident ab 14.30 Uhr den Fragen der Presse. Für Diskussionsstoff dürfte die höhere Inflation in der Euro-Zone sorgen. Die Preise im Währungsraum waren im Februar um 2,0 Prozent gestiegen. Wer deshalb mit einer Änderung der Zinspolitik oder einer Reduktion der milliardenschweren Anleihekäufe rechnet, verkennt den gewandelten Charakter der EZB. Zentralbank steht drauf, aber im Innern wird Politik betrieben. Draghi ist kein Währungshüter in der Tradition der Bundesbank, sondern ein europäischer Schatzkanzler.

Einigen Ländern Europas, darunter auch Deutschland, Spanien und Irland, hat die Politik des billigen Geldes gutgetan. Italien nicht. In einem an Klarheit kaum zu überbietenden Handelsblatt-Interview sagt der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing: „Italien hat seit Beginn der Währungsunion im Grunde kein Bein auf den Boden gebracht.“ Der Grund? Issing: „Ich kenne so viele intelligente Leute und innovative Unternehmen in Italien. Da ist ein riesiges Potenzial. Aber die Politik lässt dieses Potenzial verkümmern.“ Der Euro ist ohne Schuld?“  Issing: „Die politische Klasse in Italien hat versagt und sucht einen Sündenbock.“ Man wünschte, das wäre eine Polemik.“

Zustimmung und Kritik drängen sich auf.

• „Draghi – ein Schatzkanzler?  Ja, weil er den Staaten einen letztlich unverdienten Finanzierungsspielraum eröffnet. Nein, weil die Notembank, noch viel mehr als ein Schatzkanzler,  über den realen Wert von Schulden und Vermögen entscheiden kann.
• „Die politische Klasse in Italien hat versagt und sucht einen Sündenbock.“ Die Wahrheit ist leider eine andere, und der Widerspruch  zur These des Schatzkanzlers erschließt sich nur auf den zweiten Blick. Schatzkanzler handeln generell immer im Interesse des Staates und seiner politischen Klasse. Warum sollte es bei der EZB anders sein? Und speziell: Die Niedrigzinspolitik und insbesondere die Aufkäufe von Staatsanleihen, die sogar jetzt verstärkt auf die Anleihen der Südländer ausgedehnt werden sollen, stützen genau diese, nach den Worten Issings versagende politische Klasse. Das ist doch  Euro. Es wird leider das Thema nicht zu Ende gedacht oder zumindest nicht erweitert, wie es oben versucht wurde.

An der Trennlinie zwischen Erklärung und Kaschierung entscheidet sich mehr als nur die Frage, ob die EZB ihre Ziele erreicht oder nicht, sondern, welche Zukunft ihr selbst beschieden sein wird. Sie thront zwar über allem und ist dennoch eine in Gesellschaft und Politik eingebettete  Institution, die nicht nach Belieben verfahren und täuschen kann. Man kann den Leuten nicht jede Wahrheit vorenthalten.

„Whatever it takes“,  Helikoptergeld, CSPP und Aktienkäufe

Zur Frage der Zukunft des Geldes ist das Thema Zentralbank als Akteur, der die Grenzen der Ansichten und Ordnung sprengt, voll von weiteren nangenehmen Überraschungen, die über die voranstehende ausführlich diskutierte Finanzierung des Staates über Staatsanleihen weit hinausgehen. Die Idee eines Helikoptergeldes, das von der Zentralbank direkt an die Konsumenten zur Ankurbelung der Wirtschaft überwiesen wird, mag an amerikanischen Universitäten ihren Ursprung haben, sie wurde aber ziemlich schnell von den Zentralbanken (Ben Bernanke, ältere Experimente in Kanada oder wohlwollende Diskussion in Skandinavien u.a.) rezipiert.

Diese Grenze wurde zwar noch nicht überschritten, eine andere ja: Der Kauf von Unternehmensanleihen im Rahmen des QE der EZB ab Mitte 2016. Hier kaufen die nationalen Zentralbanken im Auftrag der EZB im Rahmen des sog. „Corporate Sector Purchase Programm“ unmittelbar Anleihen von großen Aktiengesellschaften, die nichts anderes zu tun haben, als schnell mit den daran zwangslogisch partizipierenden  Investmentbanken entsprechende Papiere aufzulegen, in der Erwartung eines Kaufs durch die EZB. Die Probleme liegen auf der Hand:
• Eingriff der EZB in das wirtschaftliche Geschehen als Verletzung des Gebots der Unabhängigkeit der Notenbank;
• Bevorzugung und Verbilligung der Finanzierung von Großunternehmen und entsprechende Benachteiligung von kleineren und mittleren Unternehmen, Ursachen von Wettbewerbsverzerrungen;
• Erhöhung der Gewinne von Kapitalgesellschaften und damit der Ausschüttungen an die Aktionäre, deren Besitzer sehr häufig Ausländer und deren Fonds sind; klare Beeinflussung der Einkommens- und Vermögensverteilung;
• darüber hinaus gibt es den Verdacht der Bevorzugung der Anleihen gerade von schwächeren Unternehmen (Spanien), was in gewisser Weise zwar Sinn macht, aber genauso eine Wettbewerbsverzerrung bewirkt;
• Erhöhung der Haftung für deutsche Steuerzahler: Im Falle der Käufe von Staatsanleihen haftet die jeweilige Notenbank zu 80 Prozent, 20 Prozent alle nationalen Notenbanken, bei den Unternehmensanleihen haften alle Notenbanken und damit deren Steuerzahler gemeinschaftlich;
• letztlich ein Programm zur Sicherung der Großunternehmen gegen die Gefahren des Marktes und einer Pleite, denn es ist davon auszugehen, dass die EZB und die nationalen Notenbanken alles tun werden, um einen Ausfall der von ihnen gekauften Bonds zu verhindern.
• Selbst wenn es verboten sein sollte. Ab Finanzkrise 2008 und eigentlich schon früher mit der Verletzung der Maastricht-Kriterien ist der Welt der Finanzen nicht nur eine der privaten, sondern auch staatlichen Rechtsbrüche. Siehe die Hilfen von Staaten der Eurozone für andere notleidende Staaten, die laut EU-Vertrag klar verboten sind. Wenn es Steuervermeidung gibt, gibt es mit dem ESM in Luxemburg auch ein System der Rechtsvermeidung.

Die Aktienkäufe durch Zentralbanken stellen bislang die äußerste Ausdehnung der Aktionsspielräume der Zentralbanken dar. Weitgehend unbemerkt erfolgen solche bislang undenkbaren Käufe, wenn eine Zentralbank  den Kurs ihrer Währung verteidigt, beispielsweise, wenn die Schweizer Nationalbank (SNB) Schweizer Franken verkauft und dafür Euro kauft. Mit den Euros kauft sie nun Aktien in Frankfurt. Ausgestattet mit ihren riesigen Finanzmitteln kann jede Zentralbank dann mit großer Wahrscheinlichkeit „ihre“ Wertpapiere gegen Kursverluste schützen. Hatte das amerikanische Federal Reserve System noch den einzelnen Unternehmen in der Welt Liquiditätshilfen direkt gewährt, ist nun eine Etappe erreicht, bei der die Zentralbanken im Falle von Krisen wohl in die Börsenkurse eingreifen und sozusagen „Kurshilfe“ gewähren werden. Auch hier sind die Stichworte Wettbewerb, Verteilung und letztlich politische und ökonomische Ordnung, für die die Formeln „Kapitalismus“ oder der beliebte, aber nichtssagende „Turbokapitalismus“  realiter schon außer Kraft gesetzt wurden und längst viel zu kurz greifen. Auch nicht „Staatskapitalismus“, vielleicht eher passend „gemeinsamer Rudelkapitalismus“.

Trump: Das Grundproblem des Abbremsens

Wenn das Geldsystem so konstruiert ist, dass es die Ungleichgewichte fördert,  was müsste passieren, damit es wieder in die Balance kommt. Am Beispiel Trump und USA wird das Dilemma deutlich. Zwei Ungleichgewichte kombinierten sich in der Globalisierung: Das staatliche Haushaltsdefizit der USA und das wachsende Handelsbilanzdefizit der USA – in Verbindung mit hoher Akzeptanz des Dollars  auch im Falle des Ungleichgewichts. Präsident Trump müsste also mindestens zwei Probleme angreifen. Nicht nur Importzölle erheben, sondern auch den amerikanischen Haushalt wieder ins Lot von Einnahmen und Ausgaben bringen. Geplant sind aber Ausgabensteigerungen, die monetäre Mutter der ungleichgewichtigen Globalisierung.

Deutschland  „Starke Mark“, „Exportweltmeister“

Deutschland lebt im kollektiven Selbstbetrug. Denn, egal wie man die Geschichte der europäischen Integration drehen und wenden will, die starke Mark gibt es nicht mehr, wohl den Dollar. Und Deutschland hat im Rat der EZB das gleiche Stimmrecht wie der Inselstaat Malta. Und das fatale Thema „Exportweltmeister“: Wir sind Exportweltmeister, weil die anderen auf Pump leben. Es ist einsichtig, dass das keine nachhaltige Lösung ist. Wir leben in einem Gleichgewicht des Ungleichgewichtes. Stabilisiert sich das Ungleichgewicht und fällt die Welt mit ihren Salden wieder auf die Füße ins Gleichgewicht, geraten wir ins Straucheln.

Digitaliserung oder andere Fragen?

Über den gläsernen Kunden und die von künstlicher Intelligenz gesteuerten seelenlose Bank der Zukunft wird gerne spekuliert. Aber das betrifft  nur einen beschränkten Aspekt des Verhältnisses Mensch zu Geld, das von unzähligen, irrigen politischen Botschaften und Meinungen geprägt wird, aber auch von Macht und Druck von den Instanzen, die über die Macht verfügen. Stichworte wie negative Zinsen, Ziel-Inflationsrate von zwei Prozent, „financial repression“ und den Menschen letztlich in einer hoffnungslosen Intransparenz über das Geschehen lassen. Also völlig konträr zu den Programmen der Digitalisierung, die den Menschen  transparent machen.

Das politische Problem des Geldes ist das zentrale. Und wirkt in einem Kontext, der oben für den Euro dargestellt wurde. Das Geld in Europa entmündigt die Staaten und schützt sie, aber kann die ökonomischen Ungleichgewichte nicht  beseitigen, sondern verstärkt.. Die ökonomischen Ungleichgewichte wirken zurück auf die Akzeptanz der Politik in den benachteiligten Ländern und früher oder später auch auf die Akzeptanz von Euro und Europa, siehe FN in Frankreich und Frexit. Es kommt ferner überwiegend zur systematischen Divergenz der Einstellungen gegenüber dem Euro: Das Duo Staat und Politik fast ausnahmslos positiv, innerhalb der Bevölkerung entsteht dagegen nahezu in allen Staaten auf jeden Fall eine Kluft zwischen Befürwortern und Gegner des Euro bzw. der EZB-Geldpolitik. sogar im Euro-freundlichen Land Deutschland startete Newcomer AfD mit einem Programm gegen den Euro.

Das Risiko für den Euro kommt aus diesen Problemen und der Art wie Politik und EZB mit diesem Problem interagieren. Geld ist demnach schon längst keine statische Definitions- oder Machtfrage mehr, sondern ein dynamisches Strategiespiel, indem es nur momentane Spielstände gibt, die immer wieder überdacht werden müssen. Der starken Machtposition der EZB steht letztlich eine ebenso starke, aber nur potenzielle und hinsichtlich ihrer Folgen unsicheren Exitoption von einzelnen Ländern gegenüber. Geldpolitik enthält das Wort Politik. Politik war immer bisher letztlich eine Sache der Polis, der Bürger. In Eurozone und  EZB schwebt die Geldpolitik über der Polis und den Bürgern. Aber das muss nicht so sein.
Endstand

Die meisten Spiele gehen aber doch irgendwann zu Ende, zumindest in einzelnen großen Runden oder Folgen. Was könnten solche Endstationen, Endstände für den Euro und das Geld auf dem europäischen Kontinent sein? Welche Schachzüge sind zu erwarten?

Transferunion: Sie gibt es schon. Die Verlängerung der Rückzahlung seiner Staatsschulden wäre Griechenland alleine nicht gelungen, das Land hätte einen Staatsbankrott erlebt. Griechenlands Aufnahme in die Gemeinschaft der Euroländer war bereits ein Transfer von Goodwill, der schon viel früher mit der bloßen Inaussichtstellung eines solchen Schrittes begann.

Staatsschulden auf Eis: Die EZB betreibt heute bereits massiv durch den Ankauf von Anleihen eine Politik der Neutralisierung von Staatsschulden, die im Augenblick bei einer Grenze von ca. einem Viertel des gesamten Volumens der jeweiligen Anleihen stoppt. Der Kreislauf der Zinszahlungen für die Anleihen von Staat zu EZB und wieder zurück zu Staat bedeutet Nullzins und über die Negativzinsen einehn zusätzlichen trickreichen Gewinn für das jeweilige Finanzministerium eines Landes. Das Verfahren kennt de facto keine Grenze.

Staatsbankrotte: Staatsbankrotte sind der klassische Weg aus der schuldenfreies eines Staates und haben volkswirtschaftlich gesehen sogar etwas Heilsames, aber eine hässliche Seite für die Anleger. Aber sie werden unmöglich, wenn die EZB solche nicht mehr bediente Anleihen im Portefeuille hätte. Und so ist es heute, die Verluste aus dem Staatsbankrott eines Landes würden auf die Steuerzahler der EU durchschlagen. Was politisch gänzlich ausgeschlossen ist.

Exits: Immer wieder wird damit das Dilemma der Akzeptanz des Euro deutlich: Hoch bei Staat und den aktuellen Regierungen, erodierend bei den Schwach-Wachstumsländern, kritisch überall in Sachen Transfer. Je länger dieser Zustand anhält, umso wahrscheinlicher werden Exits aus dem Euro, wenn nicht aus der EU in Verbindung mit anderen Problemen. Der Brexit ist fast als ein Sonderfall zu betrachten.

Die Entfernung Griechenlands aus dem Euro mittels eines von außen erzwungenen Grexits wird zwar in der Öffentlichkeit gefordert, aber widerspricht der Logik politischer Staaten im Verbund, wo vereinfacht gesagt keine Krähe der anderen die Augen aushackt. Exitgefahren drohen dem Euro aus der Tiefe des demokratischen Systems, einmal aus Wahlergebnissen in Schwachwachstumsländern, wenn dort die passenden Umstände zusammen kommen, wie lange wirtschaftliche Durststrecken und die Seele der Wähler ansprechende politischen Figuren. Diese Gefahr wächst ganz offenkundig. Und jede verlorene Wahl der Eurogegner und  EU-Gegner  bedeutet keinesfalls das Abflauen der Gefahr.

Parallelwährungen: Bereits für Griechenland wurde hier und da in den Medien die Einführung einer Parallelwährung für Griechenland angedacht. Neuerdings wird in Italien ebenfalls die Idee einer Parallelwährung ins Spiel gebracht. Neben dem Euro als internationaler Währung kursiert dann eine zweites nationales Geld. Im Fall Griechenland stand die rein praktische Suche nach einem von der Troika unabhängigen Verfahren zur Beschaffung von Mitteln für den laufenden Betrieb von Staatsapparat und  Sozialsystem in Vordergrund. Im rezenten Fall Italien geht es bei der Idee sicherlich um Profilierung von einzelnen Politikern, die aber damit ein politisch nicht erloschenes, vielleicht wieder auflebendes Motiv der Bevölkerung nach nationaler Selbstbestimmung und Befreiung vom „fremden Geld“ ansprechen.  Auch das ist eine schwache Seite des Euros. Mal hieß es, die Deutschen hätten ihre D-Mark gegen den Euro auf dem Altar der Franzosen für deren Zustimmung zur Wiedervereinigung geopfert oder für sonst was. Mal ist der Euro dann aber genau das Gegenteil: die „europäische Mark“ oder das Mittel der Deutschen, Europa zu knechten.

In der Parallelwährung fallen Politik und Geldhoheit wieder zu einem Teil  in der Nation als dem verbindenden Prinzip der Menschen zusammen. Aus der Souveränität des Staates folgt auch sein Geld, wie es in der modernen Phase des Geldes immer war. Die Befürworter des Parallelgeldes drehen diesen Zusammenhang heute nur um: Die neue Parallelwährung wäre für sie ein Mittel zur Rückgewinnung nationaler Souveränität gegenüber fremder Herrschaft. Während die Deutschen den Euro eher als praktisch oder europäisch-integrierend betrachten. Souveränität gegen Integration:  Diese Spannung steigt wieder und verheißt nichts Gutes, wo andere weiter drauf hoffen, dass alles einmal eins in Europa wird.

Renationalisierung der Währungen in Europa:  Der Euro erzeugt, wie dargestellt,  in einer nationalen Vielfalt ohne gemeinsame Sprache und gemeinsamen Arbeitsmarkt und gemeinsame Regelungen der Berufsausbildung eine Vielfalt von nationalen Spannungen .Was liegt eigentlich näher, könnte man fragen, als eine komplette Demontage des Euros und die Rückkehr zum machbaren Ziel einer gemeinsamen Freihandelszone? Die Währungen können je nach nationaler Wettbewerbsfähigkeit auf- und abwerten, Politik muss für die eigene Währung „liefern“ und kann sich nicht mehr rausreden. Für diejenigen, die den Euro wollen, existiert er weiter als Parallelwährung. Und es kann ja dann auf ganz andere Weise über ein wirklich gemeinsames Europa nachgedacht werden.

Doppelter Euro: Eine Variante der Renationalisierung des Euro ist im Prinzip die Aufspaltung der Euro-Zone in Norden und Süden. Aber genau wie der „Grexit“ kommt auch diese Idee vor allem aus Deutschland, was schon wieder fast gegen sie spricht. Und außerdem, wie sollte sie verwirklicht werden, in einem System, in dem Deutschland  und auch die Nordländer in den europäischen Gremien und ganz zu schweigen von dem EZB-Rat eher in der Minderheit sind?

Neuer Goldstandard: Noch weiter gehen Ideen wie die Rückkehr zu einem neu formulierten Goldstandard oder einer anderen, real hinterlegten Währung, die alle aber gegen das Prinzip der letztlich politisch gewollten Währung ankämpfen. Geld ist eine politische Sache geworden. Im Zeitalter der Demokratie gibt es da kein Entrinnen.

Perspektiven, Bankensystem und modernes Geld: Auf einem ganz anderen Blatt stehen Veränderungen wie Paypal, bargeldloses Zahlen, Abschaffung von großen Banknoten, finanztechnische Innovationen, Bitcoins und daraus resultierende Veränderungen des Bankensystems einschließlich der in China um sich greifenden Geldanlage in undurchsichtigen Trusts oder der angekündigten Deregulierungen in den USA, die den Vorsprung des amerikanischen Bankensystems gegenüber dem Rest der Welt und insbesondere Europas weiter verstärken dürften. Im Jahre 2016 erzielte die amerikanische Investmentbank J.P Morgan für sich alleine einen so hohen Überschuss wie die zehn größten europäischen Banken alle zusammen.

Das ist nicht nur laufende Hintergrundmusik der modernen Geldwelt, die die Menschen in Europa eher verängstigen, in den USA eher beflügeln. Hier kommt es stark auf die in Wirtschaftsräumen vorherrschenden Tendenzen in Mentalitäten und gesellschaftlichen Einstellungen an. Moderne Verfahren können gesetzlich reguliert und gerade im digitalen Zeitalter auch manipulativ zur Erreichung geldpolitischer Ziele genutzt werden. Der automatische Abzug von Negativzinsen auf dem Privatkonto hört sich schlimm an, erinnert doch in gewisser Weise an das seinerzeitige Verbot von Goldbesitz unter einem amerikanischen Präsidenten in den 1930er Jahren oder die eindeutig konfiskatorischen Steuersätze von 75 bis 90 Prozent, die es alle schon gegeben hat. Oder an das heute gängige „kleine“ Inflationsziel von zwei Prozent, dessen Erhöhung auf ganze 4 Prozent offen diskutiert wird, sogar mit dem Risiko eines Überschießens darüber hinaus. Wenn heute Gerichte zum Verhältnis von Geldpolitik zur Verfassung angerufen werden, entscheiden sich um das Geld nicht nur Fragen wie Steuerflucht oder Flucht in die anonyme Welt der Bitcoins oder steigende Goldpreise. Sondern an diesen Themen entzündet sich dann immer mehr das Verhältnis Bürger und Staat, und versammeln sich junge, antikapitalistische, weltverbessernde Geldreformer und Idealisten dann im selben Lager der Ablehnung wie bürgerlich-konservative Sparer. Entfremdung vom Staat, Loyalitätsverlust, Anti-Establishment-Gefühle prägen folgerichtig vermehrt auch die Haltung jener Schichten, die eigentlich genug Geld haben. Und nicht einmal Spaß dran haben. Dann ist auf Geld wenigstens in einer Sache auch in Zukunft Verlass: Geld alleine macht nicht glücklich.

Dr. Johannes Wierer

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